Wider den ökologischen Wahnsinn

Backwaren und Backsteine – auf den ersten Blick haben sie nichts miteinander gemeinsam. Auf den zweiten hingegen schon: Täglich landen tonnenweise Baureste und nicht verkaufte Brötchen auf dem Müll. Zwei Startups aus der Region wollen, dass damit Schluss ist.


Der Arbeitstag war lang. Kurz vor Ladenschluss geht es nochmal in den Supermarkt, um ein Baguette fürs Grillen zu kaufen, doch der Brotkasten ist so gut wie leer. Baguettes sind ausverkauft, der Ärger groß. „Als Konsumenten wollen wir immer frische Ware vorfinden, egal zu welcher Tageszeit“, sagt Alexander Gossmann (links im Bild). „Das macht es für die Supermärkte schwierig, ökologisch zu handeln. Entweder sie haben unzufriedene Kunden oder bis zum Ladenschluss volle Regale und damit auch volle Mülleimer.“ Jedes fünfte Brötchen landet Schätzungen zufolge in der Tonne. „Das ist für mich ethisch nicht vertretbar und einfach nur makaber“, begründet der 35-jährige Wirtschaftsinformatik-Absolvent der Universität Mannheim die Motivation für die Gründung seines Unternehmens OPAL – Operational Analytics. Mit einer Software unterstützt er Supermärkte dabei, besser zu planen, so dass am Ende des Tages weniger Lebensmittel in den Müll wandern.

„Supermarktmanager kalkulieren ihr Frischwarenangebot zumeist nur anhand der Verkaufszahlen der vergangenen Tage und liegen mit dieser Methode oft daneben“, sagt Gossmann. Seine Software bezieht hingegen alle nötigen Informationen mit ein, um in Echtzeit auf die Nachfrage der Kunden zu reagieren. Dazu gehören zum Beispiel die Daten der Verpackungsmaschinen und Backstationen, aber auch externe Daten wie Tageszeit, Wetter und die Lage des Supermarktes in einem Ballungsgebiet oder im ländlichen Raum. Auf lange Sicht ergeben sich daraus Muster, auf die die Supermarktmanager zurückgreifen können. „Ist es heiß, grillen die Leute zum Beispiel mehr und essen lieber ein leichtes Baguette anstatt ein kräftiges Schwarzbrot“, erklärt Gossmann. Die Software gebe auf Basis dieser Muster Handlungsempfehlungen ab, inwiefern das Angebot angepasst werden muss – und das sehr präzise.

Das Produkt gegen die große Verschwendung kommt an: Erst im vergangenen Jahr gegründet, gehören bereits mehrere große deutsche Supermarktketten zu den Kunden von OPAL. Für ihre Idee haben Gossmann und seine Mitstreiter zudem mehrere Preise erhalten und wurden ins Silicon Valley eingeladen, um ihre Software vorzustellen – eines der größten Erlebnisse für die Gründer bisher.


Auch ein anderes Unternehmen, das von Wirtschaftsinformatik- Studenten der Universität Mannheim gegründet wurde, feiert derzeit Erfolge: 2011 haben Dominik Campanella (rechts im Bild) und Felix Peeck (links) restado gegründet, eine Handelsplattform für Baureste aller Art. Hobbyhandwerker und Baubetriebe können hier zum Beispiel Fliesen, Dachziegel oder Betonsteine kaufen und verkaufen.

Auf Baustellen kommt es den Gründern zufolge oft zu kurzfristigen Änderungen. Die bereits gekauften Baustoffe können jedoch nicht zurückgegeben werden. „Man müsste die Materialien einlagern. Das ist aber teuer und man weiß nicht, ob man sie für ein anderes Bauvorhaben noch einsetzen kann. Deshalb ist es für die Bauherren am einfachsten, das Material zu entsorgen“, erklärt der Mannheimer Deutschlandstipendiat Dominik Campanella. Laut dem Statistischen Bundesamt wurden im vergangenen Jahr rund 250.000 Bauvorhaben in Deutschland realisiert. Fallen pro Baustelle nur zehn Reste an, wären das über zwei Millionen weggeworfene Baustoffe pro Jahr, so die Rechnung der Gründer. „Das ist ökologisch völliger Schwachsinn, schließlich steckt auch viel Arbeit in so einem Baustoff“, findet Campanella.

Um das große Millionengeschäft gehe es den beiden nicht. Ein klassisches Bezahlmodell wie bei eBay, bei dem ein gewisser Betrag an die Firma fließt, gibt es nicht. Auf restado ist das Einstellen und Verkaufen der Artikel kostenlos, den Preis vereinbaren die Verkäufer und Kaufinteressenten miteinander. „Wir wollen die Kunden nicht ausquetschen, um uns an ihnen zu bereichern. Die Hürden, unsere Plattform zu nutzen, wollen wir so niedrig wie möglich halten“, sagt Felix Peeck. „Unser langfristiges Ziel ist es, dass man irgendwann in den größeren Städten und im ländlichen Raum in einem Umkreis von 50 Kilometern alle Baustoffe bekommt, die man möchte.“

Campanella und Peeck stecken ihre gesamte Freizeit in das Projekt – wann immer sie können, zwischen Studium, Praktika und ihrem Engagement in der Fachschaft. Die Seite und den Suchalgorithmus für restado hat Campanella komplett selbst programmiert. Tausende Stunden Arbeit seien dabei zusammen gekommen. „Jetzt haben wir noch die Freiräume und Flexibilität, an der Welt etwas zu verändern. Diese Zeit wollen wir unbedingt nutzen“, sagt Campanella. Wie es nach dem Studium weitergeht, wissen die beiden Gründer auch schon: Ihr Traum ist es, restado zur bekanntesten Handelsplattform für Baustoffe zu machen – damit Backsteine in Zukunft nicht mehr auf dem Müll landen.


Autorin: Nadine Diehl   |   Fotos: Petra Arnold   |   August 2015