Universität Mannheim / Forum / Schwerpunkt / Ausgabe 2/2015: Die neuen Rockstars / Warum gründen Frauen seltener als Männer?

Warum gründen Frauen seltener als Männer?

14 Prozent der erwerbstätigen Männer in Deutschland haben ein Unternehmen gegründet, bei Frauen sind es hingegen nur 7 Prozent. Aber warum ist das so? FORUM war mit dem Soziologen Dr. René Leicht vom Institut für Mittelstandsforschung dem Rätsel auf der Spur. Er untersucht nun schon seit mehr als 15 Jahren, was Frauen vom Gründen abhält.


FORUM: Frauen sind risikoaverser als Männer und haben mehr Angst vor dem Scheitern. Das sind die gängigen Begründungen in den Medien für die geringe Anzahl an selbstständigen Frauen. Was sagt die Forschung dazu?

Leicht: Empirisch ist nichts davon bewiesen. Ich kenne aktuell keine Studie, die zeigt, dass Frauen bei gleichen beruflichen Karrierewegen, Bildungsressourcen und Lebensumständen das Risiko einer Selbstständigkeit mehr scheuen als Männer.


FORUM: Was hält Frauen ihren Ergebnissen zufolge dann davon ab, zu gründen?

Leicht: Vor allem die Wahl des Studienfachs und des Berufes. Frauen studieren häufig Fächer, die ungünstige Voraussetzungen für den Weg in die Selbstständigkeit bieten, wie Geistes- oder Sozialwissenschaften, und arbeiten in Berufen, die selten in die Selbstständigkeit führen, zum Beispiel in Verwaltungen und im öffentlichen Dienst. Ergreift ein Mann einen solchen Beruf, ist es genauso unwahrscheinlich, dass er sein eigenes Unternehmen gründet. Männer neigen jedoch häufig dazu, Berufe zu wählen, die per se viel stärker in die Selbstständigkeit führen, zum Beispiel technische Berufe. Frauen gründen also nicht weniger aufgrund bestimmter Eigenschaften wie Risikoaversion, sondern aufgrund ihres Rollenverhaltens, zu dem sie sozialisiert wurden, und den damit einhergehenden Berufsentscheidungsmustern.


FORUM: Die Ursache liegt also schon in der Erziehung?

Leicht: Ja. Geschlechtstypische Rollenmuster werden von den Eltern auf die Kinder übertragen. Diese mögen sachlich unbegründet sein, beruhen aber auf Traditionen und nehmen dadurch starken Einfluss. Haben die Eltern ein Familienunternehmen, tragen sie durch ihr Rollenverhalten oder durch die Art und Weise der Einbindung ins Geschäft häufig dazu bei, dass eher die Söhne als die Töchter das Unternehmen übernehmen oder erben.


FORUM: Wie wichtig sind unter diesen Umständen Vorbilder für potenzielle Gründerinnen und wer kann als Vorbild dienen?

Leicht: Wir gehen davon aus, dass Vorbilder eine entscheidende Rolle spielen. Das können zum Beispiel andere Gründerinnen sein, so dass Frauen an ihrem Lebens- oder Gründungsweg sehen, dass es keine Geschlechterfrage ist, ob man in der Selbstständigkeit Erfolg hat. Das vermittelt Mut. Zum anderen fungieren auch die Eltern als role models. Unabhängig vom Geschlecht wächst die Wahrscheinlichkeit einer Selbstständigkeit, wenn die Eltern auch selbstständig sind. Es gibt also eine berufliche Vererbung.


FORUM: Konnten Sie herausfinden, ob die Vereinbarkeit von Familie und Beruf generell ein Hemmnis auf dem Weg in die Selbstständigkeit darstellt?

Leicht: Es sind in den meisten Fällen am Ende doch die Frauen, die die Verantwortung für die Familie übernehmen, was dazu führt, dass sie in ihrem beruflichen Erwerbsverlauf weniger Möglichkeiten haben, die für die Selbstständigkeit entscheidenden Ressourcen zu erwerben. In jüngerer Zeit hat man jedoch festgestellt, dass bei Frauen die Wahrscheinlichkeit einer Selbstständigkeit wächst, wenn sie junge Kinder im Haushalt haben. Einschränkend muss man aber sagen, dass es sich hier in den meisten Fällen um eine Solo-Selbstständigkeit in Teilzeit handelt, weil die Zeit fehlt, ein größeres Unternehmen aufzubauen.


FORUM: Es gibt Kulturen, in denen die Familienverantwortung noch eine viel stärkere Rolle spielt als bei uns. Führt das auch zu einem Unterschied in der Selbstständigkeit zwischen herkunftsdeutschen Frauen und Migrantinnen bestimmter Länder?

Leicht: Entgegen manchen Erwartungen ist es so, dass Frauen mit Migrationshintergrund nicht unbedingt mit geringerer Wahrscheinlichkeit gründen als herkunftsdeutsche Frauen. Die Selbstständigenquote ist etwa gleich hoch. Je nach ethnischer Herkunft kann es jedoch tatsächlich Unterschiede geben, die jedoch weniger in der sogenannten Kultur sondern eher in anderen Ressourcen begründet sind. In den letzten Jahren ist auch das Bildungsniveau bei Migrantinnen gestiegen und vor allem die jüngeren Kohorten sind heute sogar besser qualifiziert als die Männer, weshalb eigentlich auch ihre Chancen zu gründen, steigen sollten. Aber das ist ein Prozess, der sich nur langsam verändert und der nur dann zu entsprechenden Resultaten führen kann, wenn man auf der anderen Seite auch die Hemmnisse ausräumt, die Frauen immer noch im Weg stehen.


Interview: Nadine Diehl   |   Foto: Andreas Bayerl   |   August 2015