Socken, Autos, Emotionen

Ein Großteil der Startups in Deutschland entwickelt digitale Produkte wie Apps, Internetplattformen oder Online-Shops. Zwei Studenten der Uni Mannheim stellen sich gegen diesen Trend und wollen den Markt mit Produkten aufmischen, die man nicht herunterladen, sondern anfassen kann.


Sebastian Steininger (links im Bild) kommt ganz nach seinen Eltern. In der Südpfalz betreiben sie ein Restaurant und auch ihr Sohn kocht gerne. Ungefähr einmal im Monat rührt er in einem Mannheimer Labor in einem großen Topf eine zähe Masse an. Bis zu sechs Stunden kann das dauern. Dampf steigt auf und es riecht süßlich nach Vanille. Was Sebastian Steininger hier kocht, landet allerdings nicht wie im Restaurant seiner Eltern auf dem Teller, sondern auf dem Lack wertvoller Automobile: Im vergangenen Oktober gründete er mit Andreas Werner, Absolvent der Popakademie, das Unternehmen HERRENFAHRT, welches Autopflege für den Gentleman von heute in Handarbeit herstellt. „Der Markt für Autopolitur ist sehr träge, da hat sich in den letzten Jahrzehnten wenig getan. Es gibt nur ein paar große Hersteller und die Verpackungen sind lieblos designt“, sagt Steininger, der den Bachelor Kultur und Wirtschaft mit Hauptfach Geschichte studiert hat und gerade an seiner Abschlussarbeit schreibt. „Das wollten wir ändern.“

Ihre Produkte sind in Weißblechdosen und Glastiegeln abgefüllt und in einer schwarzen Holzschachtel edel verpackt. Das „Lebensgefühl Automobil“ wollen sie mit ihren Pflegeprodukten zurück auf den Lack bringen. „Wir wollen damit jeden ansprechen, dem nicht nur sein Auto wichtig ist, sondern auch die Art und Weise, wie er es behandelt. Nicht der monetäre Wert des Wagens ist dabei ausschlaggebend, sondern das Gefühl, welches du damit verbindest – sei es der Käfer, den dir dein Opa geschenkt hat, ein Sportwagen oder deine erste Karre, für die du Jahre gespart hast“, erklärt Steininger. Auch der 25-Jährige spart noch für sein erstes Auto. Ein großer Vierrad-Fan war er aber schon immer: Mit einem Freund hat er einen alten VW-Bus restauriert und bei Mercedes ein Praktikum gemacht. In seinem eigenen Unternehmen kann er diese Leidenschaft nun ausleben.

Am Anfang wollten er und sein Mitgründer nur ein Autowachs herstellen, jetzt ist eine ganze Pflegeserie entstanden mit Politur, Reinigungsknete, Schnellversiegelung und schicken Glanztüchern aus Mikrofaser. In der Anfangszeit ihrer Gründungsidee wurden sie über einige Zufälle an Norbert Käfer empfohlen, eine Größe in der regionalen Oldtimerszene, was die Pflege anbelangt. Auch er war unzufrieden mit den Produkten auf dem Markt und begann deshalb irgendwann, auf einem Ceranfeld in seiner Garage bei Speyer sein eigenes Carnauba-Wachs zu kochen. „Von ihm haben wir die Grundrezeptur für unsere Produkte“, sagt Steininger.

Um ihre Pflegesets an die Autoliebhaber zu bringen, bieten die Gründer auch Workshops an: Bei einem technischen Frühschoppen mit Gulasch und Kölsch haben sie schon für Bentley auf deren Gelände in Düsseldorf ihre Produkte vorgeführt. „Heute wird man als Unternehmen sehr stark an seiner Webseite gemessen und natürlich nutzen wir auch die sozialen Medien für Werbung“, sagt Steininger. „Messebesuche sind aber bei solch einem Produkt unheimlich wichtig. Die Leute müssen es anfassen können.“

Wenn sie am Wochenende gerade nicht auf Messen und Oldtimertreffen unterwegs sind, sitzen die beiden Gründer in ihrem Büro in der Neckarstadt – in einem Gebäude im Hinterhof eines Supermarktes, die Treppen hoch, im ersten Stock. Auf der ganzen Etage befinden sich junge Gründerinnen und Gründer, die mehr vom Leben wollen als von neun bis fünf für andere zu arbeiten. Teils gibt es Räume, teils haben sie Trennwände durch die Etage gezogen, um neue Büros zu schaffen. Eine große Küche ist das Zentrum. Hier essen die Gründer oft zusammen Mittag. „Wir helfen uns gegenseitig, weil jeder gerade in einer anderen Phase mit seinem Unternehmen steckt“, sagt Steininger. Auf der gleichen Etage befinden sich auch Stork&Fox, die bedruckte und nachhaltig produzierte T-Shirts herstellen, und das Logistikzentrum von von Jungfeld, die den Markt mit bunten Herrensocken gerade mächtig aufmischen. Beide Unternehmen wurden ebenfalls von Studenten der Uni Mannheim gegründet.



Die von Jungfeld-Gründer Lucas Pulkert von der Uni Mannheim und Maria Pentschev von der Popakademie hatten einige Geschäftsideen. Potenziellen Investoren stellten sie anfangs eine App vor, doch die zeigten sich gelangweilt, fragten, ob sie nicht noch etwas anderes anzubieten hätten. „Wir dachten, Investoren stehen mehr auf Apps, aber damit lagen wir falsch“, erinnert sich Pulkert. Kurzerhand stellten sie ihnen ihre „Sockenidee“ vor: „Wir haben da noch eine Geschäftsidee, die klingt aber vielleicht ein bisschen albern, sagten wir.“ Das fanden auch die Investoren, wollten aber trotzdem investieren. Kurzerhand drückten sie den beiden 300 Euro in die Hand. Damit tourten Lucas Pulkert und Maria Pentschev durch ganz Deutschland, um eine geeignete Textilfabrik für die Herstellung ihrer Socken zu finden. „Wir wussten ja nicht mal, ob Socken heutzutage in Deutschland noch produziert werden. Dass sie hier hergestellt werden, war uns aber wichtig“, sagt Pulkert.

Heute wird die trendig gestaltete Fußbekleidung in einer Fabrik in Chemnitz produziert, mit bio-zertifiziertem Garn und einer besonderen Naht. Verkauft wird sie online und in über 450 Geschäften im deutschsprachigen Raum. Herrensocken made in Germany kommen an – auch im Ausland. Die Jungfelds vertreiben mittlerweile in mehreren europäischen Ländern und neuerdings auch in Taiwan ihr Fußaccessoire für den modebewussten Mann. Ihre Socken prangten sogar schon an den Füßen britischer Topmodels und an denen von Wolfgang Joop. Im Juli waren sie zudem Teil der Kollektion von Michael Michalsky auf der Fashion Week in Berlin.

„Vor ein paar Jahren waren bunte Socken gerade trendy. Es gab sie im Sechserpack bei H&M und von Strumpfmarken, die schon meine Oma getragen hat“, erzählt Pulkert. „Wir wollten, dass die Menschen mit so etwas emotionslosem wie einer Socke wieder ein Lebensgefühl verbinden. Wir wollten die coolste Herrensocke machen, die es gibt, mit der sich unsere Kunden zu hundert Prozent identifizieren können.“ Für ihre Werbung verpflichten die Gründer deshalb „echte Mannheimer Kerle“ wie zum Beispiel die Besitzer des Hagestolz oder der Kombüse, zwei angesagten Lokalitäten im Herzen des Jungbusch. Auch die Gründer von HERRENFAHRT waren schon auf Plakaten der Sockenhersteller zu sehen. Pulkert und Steininger sind eng befreundet und haben das gleiche studiert. Und beide haben das gleiche Ziel: Mit sorgfältig hergestellten und modern vermarkteten Produkten eine neue, lifestyle-orientierte Generation von Kunden zu erreichen.


Autorin: Nadine Diehl   |   Fotos: Herrenfahrt/von Jungfeld  |   August 2015