Scheiternd erfolgreich

Wer sein Studium abbricht, gilt in Deutschland gemeinhin als gescheitert. Der ehemalige VWL-Student der Universität Mannheim Björn Lasse Herrmann hat sich vor sieben Jahren trotzdem dazu entschieden. Seitdem hat der heute 30-Jährige mehrere Unternehmen und Non-Profitorganisationen gegründet – in Deutschland, Bangladesch und seiner neuen Heimat, dem Silicon Valley. Dabei ist er oft hingefallen, aber genauso oft auch wieder aufgestanden. Ein Interview über das Scheitern.

FORUM: Du hast sechs Semester Volkswirtschaftslehre studiert. 2008 hast du dein Studium abgebrochen. Was hat dich dazu bewogen?

Björn: Das hatte zwei Gründe. Das Eine ist, dass mir das Gründen und der Aufbau eines Unternehmens mehr Spaß gemacht hat als zu studieren. Schon während meines Studiums habe ich diverse Schritte in diese Richtung unternommen und habe zum Beispiel als selbstständiger Berater für Firmen gearbeitet. Und das Zweite war, dass mir – obwohl mich das Studium grundsätzlich interessiert hat und mir reichlich intellektuelle Stimulation bot – der Bezug zur Realität gefehlt hat. Mir ist es extrem schwer gefallen, still im Hörsaal zu sitzen und einer Vorlesung zuzuhören. Im September 2008 kam dann der Moment als ich beschloss, mein Studium für unbestimmte Zeit auf Eis zu legen und im November saß ich dann schon im Flieger nach San Francisco.


FORUM: Wie war die erste Zeit dort?

Björn: Es war toll. Ich fühlte mich, als ob ich Zuhause angekommen war. Plötzlich einfach eine Gruppe von Leuten um sich herum zu haben, die von der grundsätzlichen Persönlichkeit sehr ähnlich sind, die alle etwas Neues schaffen wollen, die Welt zum Besseren verändern möchten und bereit sind, das nötige Risiko einzugehen. Das war schön.


FORUM: Wie sind die Leute dort Menschen gegenüber eingestellt, die etwas Neues starten wollen?

Björn: Die grundsätzliche Kultur in San Francisco und im Silicon Valley ist, dass die Leute einen anfeuern. Und das unterscheidet sich stark von Mannheim oder dem konservativen Bodensee, wo ich herkomme. Sie lassen sich leichter begeistern. Selbst die dümmsten Ideen bekommen reichlich Unterstützung, denn oft sind es die Ideen, die sich zunächst dumm anhören, die am erfolgreichsten werden. Die Deutschen hingegen rühmen sich, ehrliches Feedback zu geben, welches meist negativ ausfällt. Im Valley hat man auch grundsätzlich einen Vertrauensvorschub, gerade in Hinsicht auf Investoren. Zum Teil bekam ich nach einem 20-minütigen Gespräch ohne Präsentation oder Businessplan einen Scheck ausgestellt. Das ist dann schon faszinierend. Ich habe hier für Projekte innerhalb weniger Wochen teilweise riesige Summen eingeworben. Der gleiche Prozess in Deutschland würde wesentlich langwieriger sein.


FORUM: Die eine oder andere Idee erweist sich im Nachhinein jedoch tatsächlich als wenig erfolgversprechend. Viele Startups scheitern. Wird auch damit anders umgegangen?

Björn: Natürlich ist es immer eine schwierige Erfahrung durch einen Scheiterungsprozess zu gehen, aber damit haben die meisten Leute im Valley Erfahrung. Dementsprechend ist das Mitgefühl für das Scheitern auch sehr viel stärker ausgeprägt. Weil jeder auf irgendeine Art und Weise schon mal eine solche Erfahrung gemacht hat oder jemanden kennt, der gescheitert ist, wird das Scheitern meist als eine wertvolle Lernerfahrung betrachtet. Scheitern führt dazu, dass man sehr viel feedbackorientierter arbeitet. Man versucht früher herauszufinden, ob eine Idee funktioniert oder nicht. Man ist mit der anfänglichen Idee weniger persönlich behaftet, ist ehrlicher mit sich selbst und ist offen, sich schnell anzupassen, um zum Erfolg zu kommen.


FORUM: Welche Erfahrungen hast du persönlich mit dem Scheitern gemacht?

Björn: Ich hatte in der Anfangszeit in San Francisco eine Bildungsplattform aufgebaut mit dem Namen Supercool School, welche Menschen auf der ganzen Welt kostenlosen Zugang zu Bildung ermöglichen sollte. Meine Geschäftspartner und ich setzten all unsere Ressourcen auf diese Karte und hatten dadurch fast kein Geld mehr auf der Bank. In dieser Zeit sind dann ganz viele Dinge auf einmal passiert: Investoren sind abgesprungen, ein Geschäftspartner lag mehrere Monate im Krankenhaus und ich hatte einen Wasserschaden in meiner Wohnung. Plötzlich stand ich auf der Straße ohne Dach über dem Kopf und sollte für den Schaden rund 100.000 Dollar zahlen. Gleichzeitig ist mein Visum ausgelaufen und meine Jetzt- Ehefrau hat ihr Visum verweigert bekommen. Das war sicherlich einer der Tiefpunkte in meinem Leben. Ich habe dann meine Eltern angerufen und sie gebeten, mir etwas Geld zu leihen und sie sagten: „Du kriegst das Geld, wenn du zurückkommst und in Mannheim dein Studium fertig machst.“ Supercool School ist letztendlich gescheitert, aber ich bin trotzdem geblieben. Ich habe es dann innerhalb von zwei Monaten durch viel Glück geschafft, genügend Consultingaufträge zusammen zu kratzen, um meine Schulden abzubezahlen und wieder genügend Geld zu verdienen, und habe dann aus dem Moment heraus ein neues Unternehmen gegründet – Blackbox.vc.


FORUM: Welche Lehren hast du aus diesem Tiefpunkt gezogen?

Björn: Der einfache Weg wäre gewesen, zurück nach Deutschland zu gehen und mein Studium abzuschließen. Und bei dieser Überlegung habe ich dann für mich persönlich herausgefunden, dass das, was ich in San Francisco mache, tatsächlich meine Berufung ist. Das war ein Moment der Klarheit, wo ich dann trotz all des Drucks und der gestellten Herausforderungen für mich einen unglaublichen Glücksmoment hatte. Das hat mich in meiner Zielstrebigkeit bestätigt. Was das Unternehmertum anbelangt, war die größte Erkenntnis, dass man ein erfolgreiches Unternehmen nicht auf dem Whiteboard kreieren kann, sondern nur im ständigen Austausch mit dem Kunden.


FORUM: Dein neuestes Unternehmen Compass soll Startups davon abhalten, genau solche Fehler zu machen. Was sind die typischen Fehler von Startups und wie versucht ihr Gründern zu helfen, diese Fehler zu vermeiden?

Björn: Der Grund für ihr Scheitern ist meistens nicht, dass ein anderes Konkurrenzunternehmen besser ist, sondern dass sie mit unglaublicher Effizienz das Unnötige ausführen. Viele Startups arbeiten mit viel Elan und Überzeugung an einem Produkt, das nachher aber niemand möchte. Oder sie machen Marketing, obwohl sie eigentlich gar nicht wissen, wer ihr Kunde ist. Das heißt nicht unbedingt, dass man gleich scheitert, aber das Risiko zu scheitern steigt mit jeder Aktivität, die nicht zuvor mit dem Kunden validiert wurde. Die skalierbarste Lösung, die wir für dieses Problem gefunden haben, ist ein Produkt, welches automatisch relevante Benchmarks und Referenzwerte für Metriken aus Kundeninteraktionen liefert. Zum Beispiel für die Kosten der Kundenakquise, Konversionsraten oder Kundenbindungsraten. Das ist sicherlich kein Allheilmittel, aber es ist etwas, was Startups helfen kann, Zeit und Geld gezielt auf Unternehmensbereiche zu verwenden, die Aufmerksamkeit brauchen.


FORUM: Mit dem Startup-Compass bist du sehr erfolgreich. Zehntausende Software-Unternehmen nutzen ihn. Namhafte Medien wie The Economist, das Wall Street Journal oder das Forbes Magazine haben bereits über dich berichtet. Was gibt es dir persönlich, andere Startups vom Scheitern abzuhalten?

Björn: Grundsätzlich fasziniert mich die Idee, vielen Unternehmen dabei zu helfen, erfolgreich zu werden und dadurch hoffentlich mehr Wohlstand und eine bessere Welt zu schaffen. Der Einfluss, den ich mit meinem Unternehmen darauf haben kann, ist, was mich anspornt.


FORUM: Du lebst seit fast sieben Jahren in den Staaten und hast den Schritt trotz Rückschlägen nie bereut. Könntest du dir vorstellen, trotzdem irgendwann nach Deutschland zurück zu kommen?

Björn: Ich habe jetzt gerade innerhalb des letzten Jahres meinen Frieden mit Deutschland geschlossen – zumindest ansatzweise. Vorletztes Weihnachten war ich zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder in meiner Heimat am Bodensee und ich habe es sehr genossen. Davor hat Deutschland bei mir immer so eine „Ich muss hier weg“- Reaktion ausgelöst. Jetzt kann ich mir aber gut vorstellen, irgendwann wieder nach Deutschland zurückzukehren.


Interview: Nadine Diehl   |   Foto: privat   |   August 2015