Goodbye Festanstellung

80 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland sind unzufrieden mit ihrem Job. Zwei Unternehmensberater und Absolventen der Uni Mannheim gehörten dazu – bis sie ihr eigenes Unternehmen gründeten. Heute verdienen sie weniger als früher, gehen aber jeden Morgen gerne zur Arbeit. Die Geschichte zweier Aussteiger.


Robert Rudnick hatte eigentlich alles. Einen Lohn, der ihm jedes erdenkliche Statussymbol ermöglichte, durch eine Arbeit, die ihn in der Welt herumbrachte, in einem Unternehmen, von dem BWL-Absolventen träumen. Drei Jahre war er in München als Unternehmensberater für Roland Berger tätig, reiste durch Europa und die Welt. Doch Rudnicks ruhmvolles Berufsleben hatte eine Kehrseite: „Ich hatte kein Privatleben, kaum Zeit für Freunde und Familie und am Ende machte ich die Welt mit meiner Arbeit kein Stückchen besser“, sagt der Mannheimer BWL-Absolvent. 2009 fasste er deshalb seinen Entschluss: Rudnick wollte sich selbstständig machen, der Gesellschaft einen Mehrwert geben. Mit zwei Beraterkollegen gründete er wenig später Coffee Circle – einen Online-Versand für äthiopischen, fair gehandelten Kaffee, der durch seinen Geschmack überzeugen soll und durch den sozialen Gedanken: Ein Euro pro Kilo fließt in Entwicklungsprojekte in Äthiopien. Rudnick zufolge haben dadurch über 15.000 Menschen erstmals Zugang zu sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung und Bildung erhalten.

Fast zur gleichen Zeit träumte in einer anderen Ecke Deutschlands auch Niels Gronau von einem erfüllteren Arbeitsleben. Auch er ist BWL-Absolvent der Uni Mannheim und arbeitete in Düsseldorf als Unternehmensberater für Deloitte, einen der so genannten „Big Four“ in der Wirtschaftsprüfungsbranche. Dort beriet er die Sport- und Fitnessindustrie „Obwohl ich bereits in dem für mich spannendsten Bereich arbeitete, habe ich bei der rein theoretischen Beschäftigung mit der Branche immer mehr gemerkt, das mir etwas ganz Wesentliches fehlt – der direkte Kontakt zum ‚Produkt‘ und vor allem dem Konsumenten“, erklärt er.

2011 gründete Niels Gronau deshalb sein eigenes Beratungsunternehmen: Edelhelfer mit Sitz in der Neckarstadt entwickelt Strategien für Fitnesskonzepte, Sportmarken und -artikel und betreibt zudem ein eigenes Fitnessstudio. „Nach all den Analysen dachten wir uns, Mensch das können wir vielleicht nicht besser aber anders“, erinnert sich Gronau. Weg von den anonymen Discounter-Studios, hin zu einem individuellen Fitnesstraining in persönlicher Atmosphäre – das ist das Konzept, welches mittlerweile fast 250 Menschen regelmäßig in Gronaus Sportclub lockt.

Es ist Donnerstagabend. Vorbei an der Lounge mit Barhockern, Couch und Espressomaschine gehen acht Männer und Frauen in die Umkleide, um sich Sportkleidung und Turnschuhe anzuziehen. Trainer Dirk kennt alle mit Namen. Von Mitte zwanzig bis zur Rentnerin decken sie alle Altersgruppen ab. Nach dem Aufwärmen machen sie Bauchmuskelübungen auf einer Matte. Bei den Edelhelfern trainieren die Mitglieder nicht an Geräten, sondern hauptsächlich mit dem eigenen Körpergewicht. Der Trainer gibt jedem Tipps, wie er die Übung noch effektiver machen kann. Einer älteren Dame zeigt er eine leichtere Variante. „Das ist nochmal etwas ganz anderes, Menschen hier zu haben, denen wir helfen können, gesünder und fitter zu werden, denen wir wieder den Spaß am Sport vermitteln können. Das ist auch eine Art von Entlohnung“, sagt Gronau.

Derzeit verdiene er weniger als noch zu Beraterzeiten. Robert Rudnick von Coffee Circle bringt es sogar auf eine Zahl: Heute sei der Lohn nur noch ein Drittel seines damaligen Gehalts. „Das heißt zwar weniger Urlaub und weniger Statussymbole, dafür stehe ich jeden Morgen energiegeladen auf und der Tag geht schnell vorbei, weil ich jede Sekunde meiner Arbeit genieße“, sagt er. Der Ausstieg aus der alten Firma sei dennoch kein Zuckerschlecken gewesen. Am schlimmsten waren die Zweifel, die immer wieder in ihm hochkamen. „Anfangs zweifelte ich jede Woche an der Idee, jetzt ist es nur noch jeden Monat“, sagt Rudnick und lacht. „Man muss immer wieder alle aufs Neue motivieren – Mitarbeiter, Geschäftspartner und auch sich selbst – das kostet Kraft.“ Vor allem in der Anfangszeit sei das an die Substanz gegangen.

Viele Aussteiger entwickeln eine Idee deshalb noch während sie im Unternehmen tätig sind. Niels Gronau zum Beispiel arbeitete weiterhin als selbstständiger Berater für Deloitte, während er Edelhelfer gründete, und sicherte sich in der Aufbauphase so ein Grundeinkommen. „Diesen Luxus hatte ich nicht. Ich stieg aus und setzte alles auf eine Karte“, sagt Robert Rudnick. „Das Risiko war meines Erachtens aber überschaubar. Sollte die Idee nicht funktionieren, kann ich mit meiner guten Ausbildung etwaige Schulden immer noch gut abbezahlen, dachte ich.“ Damals sei er Single gewesen. Gerade bei diesen sei die Fluktuation in der Unternehmensberatung hoch. Verheiratete würden länger bleiben und mit Kindern sowieso.

Niels Gronau ist seit letztem Oktober verheiratet. Jetzt, ein Jahr später, wird er Vater. „Mit Kind muss man sich den Schritt in die Selbstständigkeit sehr gut überlegen, vor vier Jahren war die Entscheidung noch einfacher“, erinnert er sich. In seinem alten Job wäre er aber auch als Familienvater nicht geblieben. So konsequent müsse man sein: „Wenn ich jeden Morgen aufgestanden wäre und gedacht hätte, verdammt, ich muss jetzt wieder zwölf Stunden da hin, hätte ich das persönlich nicht ausgehalten.“

Weder Robert Rudnick noch Niels Gronau bereuen ihren Schritt in das Abenteuer Selbstständigkeit. Heute arbeiten sie zwar nicht weniger, dafür mit mehr Leidenschaft – ihr Arbeitsleben hat wieder einen Sinn. Und wenn es doch mal länger wird, hat zumindest Niels Gronau ein Korrektiv. Dann ruft nämlich seine Ehefrau an.

Zu den Bildern: Robert Rudnick (oben), Geschäftsführer von Coffee Circle, und Niels Gronau von Edelhelfer (unten)

Autorin: Nadine Diehl   |   Fotos (v.o.): CoffeeCircle/Petra Arnold  |   August 2015