Exit – und was dann?

Nach einem erfolgreichen Markteintritt stellt sich für fast jeden Gründer früher oder später die Frage, ob Anteile am eigenen Unternehmen verkauft werden. Aber nicht jeder Exit bedeutet auch, dass der Gründer das Startup verlässt. FORUM hat mit drei Gründern der Universität Mannheim über ihre Pläne nach dem Verkauf gesprochen.

Exit #1 – Neustarten 

Mehr als 30 Millionen Euro haben Christoph Lange und Steffen Wicker gesammelt und den Musikstreaming-Anbieter simfy zum Marktführer in Deutschland gemacht. 2006 lernten die Mannheimer BWL-Absolventen die Business Angels Holger Johnson und Ron Hillmann kennen, die zusammen rund 30 Prozent der Anteile an simfy übernahmen. „Damit hatten wir das notwendige Startkapital, um unsere Idee umsetzen zu können“, erklärt Lange, damals Geschäftsführer von simfy. „Nach einem Einstieg weiterer Investoren waren wir mit einem hohen siebenstelligen Umsatz klar auf Wachstumskurs, bis sich Mitte 2011 ankündigte, dass Spotify in den deutschen Markt einsteigen wird. Um mithalten zu können, hätten wir weitere 30 bis 40 Millionen gebraucht“, erinnert sich Lange. Spotify sammelte allein in der ersten Finanzierungsrunde fast 100 Millionen Euro und übernahm die Marktführerschaft in Deutschland.

„Wir hatten folgende Wahl: mit einem reduzierten Angebot in der Nische wachsen oder kompletter Exit“, sagt Christoph Lange. Ende 2012 haben er und Steffen Wicker ihr Unternehmen schließlich verlassen, da die Anschlussfinanzierung ausblieb. Ihre Anteile von zusammen rund 20 Prozent haben sie verkauft. Nach dem Ausstieg entwickelten die beiden Gründer gemeinsam die Immobilien-App Homeday, mit der sich unter anderem Maklerleistungen vergleichen lassen. Dem Musikbusiness bleibt Lange aber verbunden: Seit Februar bringt er seine Erfahrung im Streaming-Markt als Co-Gründer und Produktmanager der Musik-App IDAGIO ein. Das Angebot für Fans von klassischer Musik soll in Kürze deutschlandweit starten.


Exit #2 – Weiter als Mitarbeiter


Daten auf Klebestreifen speichern – mit dieser einfachen, aber genialen Idee ist tesa scribos seit über zehn Jahren international erfolgreich. Das Tochterunternehmen der tesa AG, welches von Absolventen der Universität Mannheim gegründet wurde, produziert und vertreibt mit einem hoch auflösenden und weltweit einzigartigen Beschriftungsverfahren hergestellte Hochsicherheitsetiketten an fünfzig internationalen Standorten. Jedes Label enthält unterschiedliche Sicherheitsmerkmale. Einige dieser Merkmale sind unmittelbar sichtbar: Zum Beispiel die individuell generierte Seriennummer. Andere Merkmale sind verdeckt und können mit einfachen Hilfsmitteln ausgelesen werden. „Vereinfacht gesprochen erstellen wir einen hochsicheren Personalausweis für Produkte“, erklärt Gründer Dr. Christoph Dietrich. Abgerufen werden kann dieser durch das Abscannen eines QR-Codes über das eigene Smartphone.

„Im Prinzip basiert jedes unserer Produkte auf der Grundidee von 1998“, erklärt Dietrich. Damals hatten die Physiker Dr. Steffen Noehte und Matthias Gerspach am Lehrstuhl für Informatik V der Universität Mannheim entdeckt, dass sich Klebestreifen als Datenspeicher verwenden lassen. Die Idee der „tesa-Rom“ war geboren. Im Dezember 2001 gründeten sechs der Lehrstuhlmitarbeiter gemeinsam die tesa scribos GmbH. Die Forscher waren mit 25 Prozent beteiligt, die tesa SE mit 75 Prozent. Im Jahr 2007 übernahm der Großinvestor tesa die Anteile der übrigen Gesellschafter. „Durch die Komplettübernahme konnten wir unsere Erfindung im eigenen Labor weiterentwickeln“, sagt Dietrich. Mit Erfolg – zu den Kunden der tesa-Tochter gehören mittlerweile Marktführer wie Bosch, Continental oder der französische Weinproduzent Castel Frères. Weltweit arbeiten rund 100 Mitarbeiter für das ehemalige Startup der Universität Mannheim. Dass die Gründer auch nach mehr als 14 Jahren noch von ihrer Idee überzeugt sind, zeigt ein Blick auf ihre Lebensläufe: fünf der sechs Gründer sind trotz Komplettübernahme dem Unternehmen treu geblieben.


Exit #3 – Gründer bleiben

Wer Augenchirurg werden will, sollte bereits vor der ersten Operation so viel praktische Erfahrung wie möglich sammeln. Um das sicherzustellen, haben Norbert Hinckers (links) und Dr. Markus Schill (rechts), beide Alumni der Universität Mannheim, 2001 das Startup VRmagic gegründet. Auf dem Gebiet der Virtual-Reality-Simulatoren für angehende Augenärzte ist VRmagic Weltmarktführer. „Wir hatten die Expertise und die Ideen, uns fehlte nur das Geld“, blickt Physiker Norbert Hinckers auf die Gründungsphase zurück. 2005 übernahm Leonardo Venture 25 Prozent der Anteile am Startup. „Für mich hat sich nach dem Einstieg des Investors in der täglichen Arbeit nichts geändert: Gemeinsam mit Markus Schill treffe ich immer noch alle wichtigen Entscheidungen“, sagt Hinckers, einer der beiden Geschäftsführer der VRmagic Holding AG. Mit Hilfe der Simulatoren können zukünftige Ärzte chirurgische Eingriffe am Auge trainieren oder Erfahrung im Bereich Diagnostik sammeln – ohne Risiko für einen Patienten. „Ohne den Einstieg eines langfristigen Investors hätten wir die hohen Entwicklungskosten der ersten Jahre nicht stemmen können“, sagt Hinckers.


Autor: Markus Lojen   |     Fotos (v.o.): IDAGIO, tesa SE, VRmagic   I   August 2015