Universität Mannheim / Forum / Schwerpunkt / Ausgabe 2/2015: Die neuen Rockstars / "Du musst nicht kinderlos und männlich sein"

„Du musst nicht kinderlos und männlich sein“

Die Mannheimer Absolventin Lea-Sophie Cramer hat mit Amorelie innerhalb von zwei Jahren die Welt der Online-Sexshops revolutioniert. Die Karriere der 28-Jährigen ist bemerkenswert: Nach einer kurzen Zeit bei einem kleinen Berliner Startup fing sie bei der Boston Consulting Group an, bevor sie bei der Gutscheinplattform Groupon einstieg und dort innerhalb kürzester Zeit die Verantwortung für einen Großteil des Asiengeschäftes übernahm. FORUM hat mit ihr über das Geheimnis ihres Erfolgs gesprochen.


FORUM: Die Gründung eines Online-Erotikversands ist nicht die naheliegendste Entscheidung für eine junge BWL-Absolventin. Wie seid Ihr, Du und Dein Geschäftspartner Sebastian Pollok, auf die Idee dazu gekommen?

Lea-Sophie: Nach dem Hype um „Sex and the City“ kam das Buch „50 Shades of Grey“ auf den Markt. Bei einer Bahnfahrt von München nach Berlin habe ich mehrere Frauen gesehen, die das Buch offen gelesen haben. Ich habe sie angesprochen. Das war ihnen gar nicht unangenehm und das hatte ich so nicht erwartet. Gleichzeitig gab es noch eine andere Entwicklung: Ein Kollege von einem Design-Startup hatte erzählt, dass das bestverkaufte Produkt unter all ihren Angeboten wie Poster, Möbel und Accessoires, ein Designvibrator ist. Da haben wir gesehen, dass das Interesse am Thema Lovetoy da ist. Es ist ja ein „Grundbedürfnis“ des Menschen. Liebe an sich, das Liebesleben und Sexualität haben ja überhaupt nichts Schmutziges, das ist das Natürlichste der Welt.


FORUM: Im vergangenen Jahr seid Ihr um über 800 Prozent gewachsen. Jetzt habt Ihr Amorelie zu 75 Prozent an ProSieben- Sat1 verkauft. Was macht Ihr anders als etablierte Sexshops?

Lea-Sophie: Wir gehen schon bei der Ansprache ganz anders vor. Unsere Zielgruppe sind hauptsächlich Frauen und Paare mit Fokus auf Einsteiger. Deshalb gehen wir feminin und modern auf sie zu. Viele Händler haben die Zielgruppe aus den Augen verloren. Wir erklären sehr viel und nehmen die Besucher unseres Online-Shops an die Hand. Zum Beispiel beschreiben wir auch genau, was es für Sachen gibt und wie sie verwendet werden. Wir wollen, dass sich bei uns jeder wohlfühlt.


FORUM: Durch den Erfolg Deines Unternehmens bist Du eine Vorzeigegründerin geworden. Insgesamt ist die Gründerbranche aber ziemlich männerdominiert. Was denkst Du, woran das liegt?

Lea-Sophie: Ich glaube, das hängt an den Netzwerken. Die Gründerszene in Berlin ist durchsetzt von Absolventen der WHU – Otto Beisheim School of Management. Dort gibt es nur eine Frauenquote von 30 Prozent. Und die drei Samwer-Brüder [Anm.: Gründer des Klingelton-Anbieters Jamba und des Internetinkubators Rocket Internet], die die Berliner Gründerszene überhaupt erst ins Leben gerufen haben, haben als Männer weitere Männer mitgezogen. Dazu kommt, dass es Frauen etwas schwerer fällt, dieses Risiko einzugehen und es scheint mir so, dass viele Frauen gern „gemocht werden möchten“. Und das wirst du nicht unbedingt, wenn du gründest und auch nicht, wenn du irgendwo Chefin bist. Aber das Denken ändert sich jetzt ein bisschen. Du musst nicht kinderlos und männlich sein, wenn du in eine hohe Position willst. In den letzten zwei, drei Jahren hat sich da einiges getan. Mittlerweile gibt es bestimmt dreißig Frauen, die mir auf Anhieb einfallen würden, die ein erfolgreiches Unternehmen gegründet haben.


FORUM: Warum hast Du Dich für die Selbstständigkeit entschieden?

Lea-Sophie: In meinen vorherigen Jobs habe ich das Gestalten vermisst. Mir macht es Spaß, die Richtung vorzugeben und ich wollte ein Unternehmen genauso aufbauen, wie ich es mir vorstelle – als ein Unternehmen, in dem ich selbst gern arbeiten würde. Ich will die Strategie so leben, wie ich denke, dass sie richtig ist. Das kannst du nur, wenn du ganz oben stehst und deswegen habe ich gesagt: Na gut, dann musst du es selber machen.


FORUM: Hast Du es mit Amorelie geschafft, ein Unternehmen nach deinen Vorstellungen aufzubauen?


Lea-Sophie: Auf jeden Fall. Wir haben eine ganz neue Unternehmenskultur geschaffen. Wir haben 74 Mitarbeiter und Sebastian und ich sitzen beide mittendrin. Jeder bekommt mit, was wir gerade machen. Das ist nicht mal eine open door policy, weil es gar keine Türen gibt. Wir haben montags außerdem einen Tanz, der verschiedene Funktionen von unseren Produkten nachahmt. Jeder muss mal vortanzen und dabei ist es egal, ob du CFO bist, Ende 30 mit zwei Kindern oder die neue Praktikantin, die gerade mit 19 von der Uni kommt. Dann haben wir einen Mystery Lunch am Dienstag, bei dem ausgewürfelt wird, wer mit wem Mittagessen geht, so dass man die Firma und Mitarbeiter kennenlernt. Ich glaube, es sind viele Dinge, die bei uns anders funktionieren als in traditionellen Unternehmen.

FORUM: Hast Du etwas von der Uni Mannheim mitgenommen für die Selbständigkeit?

Lea-Sophie: In Mannheim hat mir natürlich die Ausbildung sehr geholfen, die ganzen grundlegenden Kenntnisse über die Geschäftsführung eines Unternehmens, auch Rechnungslegung und Buchung und so weiter. Der wichtigste Punkt ist aber ein wahnsinniges Netzwerk, das ich aus der Studienzeit mitgenommen habe. Wir waren der erste Bachelor-Jahrgang und unfassbar eng miteinander verdrahtet – ich habe aus dieser Zeit sicherlich ein Netzwerk von 150 Leuten. Rund 50 davon sind heute auch in der Gründerszene aktiv und wir haben auch in Berlin eine kleine Mannheim-Gruppe, in der wir uns austauschen.

FORUM: Was sind Deine Tipps für Leute, die ein Unternehmen gründen wollen?

Lea-Sophie: Ich würde schauen, dass ich mir ein Netzwerk aufbaue. Ganz wichtig ist es, sich mit Leuten auszutauschen. Denn nur dadurch kriegt man überhaupt mit, was man noch alles bedenken muss. In den allermeisten Fällen ist nicht die Idee der Wert, sondern die Umsetzung. Trotzdem würde ich mir sehr gut überlegen, was ich gründe. Wir haben selbst sehr viel Zeit damit verbracht zu überlegen, was genau wir machen wollen und welches Modell Sinn für uns hat, weil wir vollkommen dahinter stehen wollten. Dieses „Ich fange erst mal an, meine Opportunitätskosten sind nur ein bisschen Zeit und mein persönlicher Einsatz“, das ist ein totaler Trugschluss. Man verliert so vielleicht kein Geld, weil man keins einsetzt, aber man verliert genau diese Energie und diese Unbeschwertheit und diese Gelassenheit, die man hat, wenn man noch nie versagt hat. Es ist wesentlich leichter, mit so einem Gefühl etwas zu starten. Darüber hinaus kann es nicht schaden, wenn man gründen will, zu einer dieser Gründerschmieden zu gehen, wie etwa Rocket Internet oder Hitfox oder auch Zalando. Da kann man vor der Gründung von der Pike auf lernen.

FORUM: Zu guter Letzt, was ist das Erfolgsrezept von Amorelie?

Lea-Sophie: Ich denke, wir haben die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt gehabt. Wir waren am Puls der Zeit mit der Buchveröffentlichung von "50 Shades of Grey", das war natürlich auch ein bisschen Glück. Wir haben die richtige Marke aufgebaut für unser Konzept, das richtige Marketing entwickelt und die richtige Zielgruppe angesprochen. Das Marketing, welches wir betrieben haben, hat unglaublich gut funktioniert. Ich glaube, wir haben es geschafft, die Zielgruppe zu verstehen und das richtige Produktportfolio auszuwählen. Außerdem haben wir neue Möglichkeiten und neue Partnerschaften sehr schnell erkannt und auch erkannt, was daraus werden könnte. Und ich glaube, wir haben ein unglaublich starkes Gespür für die richtigen Leute gehabt. Wir führen unser Unternehmen so, wie wir selbst gern arbeiten wollen und wir stellen „unseresgleichen“ ein und haben dadurch wenig Fluktuation. Wir haben ganz viele Menschen, die von Anfang an dabei sind und das hat auch seinen Grund.


Interview: Katja Hoffmann   |   Fotos: Amorelie   |   August 2015