Nachgefragt...

Jedes Jahr zieht es nicht nur über tausend Mannheimer Studierende mit dem ERASMUS-Austauschprogramm an eine der europäischen Partneruniversitäten, sondern auch Lehrende und Verwaltungsangestellte. Das eigene Aufgabenfeld aus einer anderen Perspektive erleben, Kontakte knüpfen und die Sprachkenntnisse auffrischen – all das steht im Mittelpunkt der „ERASMUS Staff Week“. FORUM hat sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmern nach ihren Erfahrungen gefragt.

Christiane Gerner (Dekanat Sozialwissenschaften), University of the West of Scotland, Großbritannien

Internationalität und die englische Sprache gehören mittlerweile zu meinem Arbeitsalltag im Dekanatsbüro der Fakultät für Sozialwissenschaften. Hauptsächlich bin ich mit der Berufung von Professorinnen und Professoren sowie Promotionen beschäftigt. Die meisten internationalen Forscher an unserer Fakultät kommen aus Großbritannien und den USA und damit aus ganz anderen Hochschulsystemen. Um auf etwaige Unterschiede besser reagieren zu können, wollte ich deshalb einen Einblick in meine Arbeit aus der angelsächsischen Perspektive erhalten. An der University of the West of Scotland lernte ich das Umfeld der Uni kennen, wie Wohnheime und Beratungsstellen. Ich konnte sehen, von welchem Standard die Professoren ausgehen, wenn sie nach Deutschland kommen. Die ERASMUS-Woche in Schottland hat mir einen ersten Blick über den Tellerrand erlaubt. Noch besser wäre jedoch ein längerer Austausch. 


Laura Miller (Dekanat BWL), École supérieure des sciences économiques et commerciales (ESSEC), Frankreich

Während meines PR-Volontariats am BWL-Dekanat war ich an der ESSEC in Paris, mit der uns eine enge Partnerschaft verbindet. Die ESSEC als eine der führen- den Business Schools in Europa hat eine große Marketing- und Kommunikationsabteilung. Durch das inhaltlich sehr ähnliche Aufgabenfeld meiner Kollegin konnte ich sofort mitarbeiten. Ich hatte das Gefühl, wirklich einen Beitrag leisten zu können und konnte für meinen Arbeitsalltag in Mannheim einiges übernehmen. Paris und die französische Kultur haben den Aufenthalt ebenfalls geprägt. Der Umgang mit den Kollegen hat mir sehr gut gefallen, die Arbeitsatmosphäre war sehr entspannt. Sie arbeiten zwar viel, genießen aber auch. So gehörte eine ausgiebige Mittagspause mit anschließendem Kaffee immer dazu.


Dr. Annette Klein (Universitätsbibliothek), University of Tampere, Finnland

Das Besondere in Tampere war, dass sich das Programm gezielt an Bibliotheksangestellte richtete und sich mit einem spezifischen Projekt beschäftigte, an dem ich zu diesem Zeitpunkt auch in Mannheim arbeitete: der Verleihung von mobilen Endgeräten und der entsprechenden Bestückung mit elektronischen Medien. Die angebotene Staff Week war für mich daher wie gemacht. Die Universität in Tampere hat ein sehr intensives Betreuungsprogramm für die Nutzung elektronischer Medien. Im Anschluss an meinen Aufenthalt haben wir dann die Studierenden in Mannheim befragt, ob sie ähnliche Betreuungs- und Servicedienstleistungen wahrnehmen würden. Wir möchten diesen Punkt nun ausbauen und konkrete Kurse rund um die mobilen Endgeräte in unser Programm aufnehmen. Abgesehen davon, dass es einfach Spaß macht, auf internationale Kollegen zu treffen und andere Arbeitsweisen kennenzulernen, kann man also auch viel Inspiration und Nützliches mitnehmen.


Coline Baechler (Romanistik), Università per Stranieri di Siena, Italien

Zu Beginn meiner Doktorarbeit hatte ich gerade damit angefangen, Italienisch zu lernen, und sah in dem Programm eine Möglichkeit, meine Sprachkenntnisse zu verbessern und Lehrerfahrungen im Ausland zu sammeln. So kam ich an die Università per Stranieri di Siena. Als ich ankam, war ich sehr nervös. Für die nächsten zwei Wochen unterrichtete ich die Studierenden nicht wie gewohnt im Bereich der französischen Sprach- und Medienwissenschaft, sondern in deutscher Sprachpraxis, da die Universität in Siena neben Sprachwissenschaft auch auf Sprachvermittlung spezialisiert ist. Ich fand es aber richtig schön mit den italienischen Studierenden zusammenzuarbeiten und ihnen die deutsche Grammatik beizubringen. Neben dem Sprachpraxisunterricht hielt ich auch Vorträge zur deutschen Sprachgeschichte und zum deutschen Mediensystem. In Erinnerung wird mir die Freundlichkeit und Offenheit der anderen Dozenten und der Studierenden bleiben. Ich habe mich sehr wohl gefühlt, obwohl mein Italienisch noch nicht sehr gut war. Es war eine tolle Lehrerfahrung, auf die ich auch ein wenig stolz bin.


Jan Klaus Tänzler (BWL), Universitat de València und Institut des hautes études économiques et commerciales (INSEEC), Spanien & Frankreich


Ein Freund und Kollege, der genauso wie ich zu Familienunternehmen forscht, hatte mich gefragt, ob ich nicht zu ihm ans INSEEC nach Paris kommen und ein paar Vorlesungen halten möchte. Das hatten wir schon länger vor. In Valencia war ich hingegen noch nie und kannte dort auch niemanden. Dort gehörten zu der ERASMUS-Woche neben dem Unterrichten auch gemeinsame Mittagessen, Stadtführungen und Theaterbesuche dazu. Beide Wochen haben mir persönlich sehr viel gebracht. Zum einen musste ich mich auf neue Lehrsituationen, neue Studierende und eine andere Unterrichtssprache einstellen. Zum anderen war es eine gute Möglichkeit, bestehende Kontakte zu intensivieren und neue zu knüpfen. In Valencia lernte ich zum Beispiel einen Gastprofessor kennen, mit dem ich immer noch in Kontakt stehe. Ich kann mir daher vorstellen, im nächsten Semester wieder nach Valencia zu gehen, zumal es auch eine echt tolle Stadt ist.


Martin Jarrett (Jura), Ankara University und Eötvös Lorand University, Türkei & Ungarn

Ich habe bereits elfmal am Dozenten- Mobilitätsprogramm teilgenommen. Ich bewerbe mich meist für die Universitäten in den jeweiligen Hauptstädten. Dort hat man normalerweise einen sehr hohen Standard und exzellente Studierende. Dieses Mal habe ich mich für Budapest und Ankara entschieden. In Ankara fiel mir besonders die Gastfreundschaft meiner türkischen Kollegen auf. Zu Beginn wurde ich allen Kollegen vorgestellt. Es war wie ein großes Event, dass ich da war. In vier Tagen wurde ich fünfmal zum Essen eingeladen. In Ungarn war hingegen alles mehr auf beruflicher Ebene. An beiden Universitäten habe ich wieder unheimlich viele Kontakte knüpfen und mein Netzwerk erweitern können. Die nächsten zwei Aufenthalte sind deshalb bereits geplant. Dieses Jahr geht es nach Italien und Spanien. Es ist immer wieder eine neue Herausforderung, auf neue Studierende und Kollegen zu treffen und die Aufenthalte pushen mich jedes Mal, meine Lehre weiter zu verbessern.


Umfrage: Sina Buschhold   I   Fotos: Andreas Bayerl   I   April 2016