Gemeinsam forschen in Europa

Ob in einem großen Verbundprojekt, bilateral mit Kollegen aus dem Ausland oder als Projektleiter mit europäischer Spitzenförderung – Mannheimer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen auf vielfältige Weise in, mit und über die EU. Der Mehrwert liegt nicht nur in den Ergebnissen, sondern vor allem in der Vernetzung und einer neuen Sicht auf die eigene Forschung.


Regionalökonomen aus Italien und Polen, Informatiker aus Zypern und Politikwissenschaftler aus Schottland. Mit ihnen und Forschern aus weiteren vier europäischen Ländern hat der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Marc Debus vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) erst kürzlich ein EU-Projekt eingeworben. Drei Jahre lang werden sie gemeinsam erforschen, ob die Regionalförderung der Europäischen Union, mit der zum Beispiel Straßen und Brücken in infrastrukturschwachen Regionen bezuschusst werden, zu einem positiveren Image der EU bei ihren Bürgerinnen und Bürgern führt. Dabei sei jedoch nicht das Thema die größte Herausforderung. „Die Hürde ist es, eine gemeinsame Herangehensweise zu finden“, erklärt Debus. „Die Kollegen aus Schottland sind zum Beispiel eher auf Politikberatung ausgerichtet, in Mannheim haben wir hingegen eine empirisch-analytische Tradition.“

Die Schwierigkeit, viele unterschiedliche Perspektiven unter einen Hut zu bringen, ist jedoch auch das, was Debus an seinem ersten EU-Projekt am meisten schätzt: „Man lernt voneinander unheimlich viel, vor allem wie in anderen Ländern geforscht wird. Das erweitert den eigenen Horizont und hilft, die eigenen Scheuklappen abzulegen.“ Die Partner aus dem Forschungskonsortium stehen in ständigem Austausch – meist per E-Mail oder in Skype-Konferenzen, aber auch Meetings in Brüssel und Glasgow gehören dazu. „Man arbeitet über drei Jahre intensiv zusammen und will das Projekt gemeinsam zum Erfolg bringen. Die Chancen stehen gut, dass aus der Zusammenarbeit langfristige internationale Kooperationen entstehen“, sagt Debus.

Den europäischen Forschungsraum stärker vernetzen – das sei eines der Hauptziele, die sich die EU mit ihrer Forschungsförderung gesetzt hat, sagt Ursula Schlichter, an der Universität Mannheim für die EU-Forschungsförderung zuständig. „Darüber hinaus will die EU aber auch einen Nutzen aus der Forschung ziehen, um ihre eigene Strategie zur Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen in Europa zu verbessern und den Standort Europa zu stärken“, fügt sie hinzu. „Die EU gibt deshalb in vielen Förderinstrumenten der Verbundforschung in der Regel die Themen vor, auf die sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen europäischen Ländern gemeinsam bewerben können.“

Neben Verbundprojekten wie dem von Marc Debus fördert die EU auch eigene Projektideen von Wissenschaftlern mit den sogenannten ERC Grants. Vier dieser prestigeträchtigen Förderungen sind an der Uni Mannheim beheimatet – einer in der Politikwissenschaft, drei in der Volkswirtschaftslehre. „Ein ERC Grant ist mehr als eine Millionenförderung für die eigene Forschung. Es ist vor allem eine international anerkannte Auszeichnung und damit ein absoluter Karriereschub“, erklärt Ursula Schlichter.

Neben hochdotierten EU-Projekten findet internationale Forschung auch und vor allem bilateral statt. „Es gibt eigentlich keinen Professor, der nicht international mit Kollegen zusammenarbeitet“, sagt Ursula Schlichter. „Das ist sicherlich die häufigste Form internationaler Forschung.“ Eine gute Möglichkeit, solche Kontakte zu intensivieren, bietet zum Beispiel eine DAAD-Gastprofessur oder das Stipendienprogramm der Alexander von Humboldt-Stiftung, das längere Gastaufenthalte von ausländischen Nachwuchsforschern an einer deutschen Uni fördert. Aktuell sind drei Stipendiaten an der Uni Mannheim.

Einer, der das Programm vor einigen Jahren wahrgenommen hat, ist der griechische Politikwissenschaftler Dr. Yannis Theocharis und ein gutes Beispiel, dass aus einem kurzen Aufenthalt auch mehr werden kann. Nach seiner Promotion in England kam er 2011 mit einem Humboldt-Stipendium als Postdoktorand für zwei Jahre ans MZES, wo er untersuchte, ob soziale Medien wie Facebook oder Twitter den politischen Aktivismus fördern. „Vor diesem Aufenthalt konnte ich mir nicht vorstellen, in Deutschland zu bleiben. Das MZES hat mich dann allerdings so sehr bei meiner Forschung unterstützt, dass ich mich wahnsinnig über das Angebot freute, als Research Fellow hier weiterarbeiten zu dürfen. Das Humboldt- Stipendium hat sich also für mich gelohnt“, sagt Theocharis. Aktuell bewirbt auch er sich auf einen ERC Grant der Europäischen Union. Gerade junge Forscher müssten beweisen, dass sie in der Lage sind, international Drittmittel einzuwerben. Unterstützung erhalten sie von der Universität dabei bereits bei der Antragstellung. Eine Investition, die sich auch für die Uni lohnt.

ERC Grants an der Universität Mannheim

Forscher/in
Thema
Fach
Prof. Sabine Carey, Ph.D.
Repression and the Escalation of Conflict
Politikwissenschaft
Prof. Michèle Tertilt, Ph.D.
Gender Differences: A Macroeconomic Perspective
Volkswirtschaftslehre
Prof. Klaus Adam, Ph.D.
Boom and Bust Cycles in Asset Prices: Real Implications and Monetary Policy
Volkswirtschaftslehre
Prof. Volker Nocke, Ph.D.
Dynamic Approaches to Mergers and Industry Structure
Volkswirtschaftslehre



Autorin: Nadine Diehl   I   Foto: 123rf.com   I   April 2016