Universität Mannheim / Forum / Schwerpunkt / Ausgabe 1/2016: Internationalisierung / "Die Universität Mannheim ist einen Schritt weiter als viele andere"

"Die Universität Mannheim ist einen Schritt weiter als viele andere"

Im vergangenen Jahr hat die Universität Mannheim ihre Internationalisierungsstrategie für die kommenden fünf Jahre verabschiedet. Vom Studium über den Wissenschaftsbetrieb bis hin zur Verwaltung sollen sämtliche Bereiche noch internationaler werden. Was das genau bedeutet und wie die Universität Mannheim ihre Strategie umsetzen will, darüber sprach FORUM mit dem Prorektor für Internationales, Prof. Dr. Dirk Simons. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für ABWL und Rechnungswesen und seit vergangenem Oktober im Amt.


FORUM: Die Bildungs- und Forschungspolitik sieht die Internationalisierung der deutschen Hochschulen als eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben, schon allein, weil Deutschland aufgrund des demografischen Wandels die klugen Köpfe ausgehen. Was bedeutet das für Sie persönlich – eine internationale Universität?

Simons: Für mich sind die Menschen ausschlaggebend, die Sie an einer Universität treffen und sie zu einem internationalen Ort machen. Für das Studium bedeutet dies, dass wir unsere Studierenden nicht nur ins Ausland schicken. Vielmehr sollen sie auch hier ein Umfeld vorfinden, in dem sie interkulturelle Erfahrungen sammeln können. In der Verwaltung verstehe ich Internationalisierung als Auftrag, dass dort genauso gut Englisch wie Deutsch gesprochen werden muss. Gäste, egal in welcher Funktion, müssen mit englischen Informationen willkommen geheißen werden. In der Forschung wiederum muss der wissenschaftliche Nachwuchs ein stabiles internationales Netzwerk aufbauen können und Professoren, die in der Regel über langjährige Kontakte verfügen, sollen unterstützt werden, diese auch zu nutzen. Das heißt, wenn wir es schaffen, alle Personengruppen hier in internationale Netzwerke zu bringen, dann haben wir eine internationale Universität. 


FORUM: Wo steht die Universität Mannheim in diesem Prozess? Und wo sehen Sie die großen Herausforderungen für Ihre Amtszeit?

Simons:
Wir haben eine sehr gute Positionierung was die Zahl der Austauschstudierenden angeht – seien es jene, die aus dem Ausland zu uns kommen, oder die, die wir ins Ausland schicken. Diese Position möchte ich gerne halten, wenn möglich auch ausbauen. Allerdings sind wir hier bereits auf einem sehr hohen Niveau. Wir bewegen uns sogar in den absoluten Zahlen auf Augenhöhe mit großen Universitäten, die viel mehr Studierende haben als wir und dadurch per se mehr Studierende ins Ausland schicken könnten. Auch mit unserem englischsprachigen Lehrangebot sind wir im europäischen Vergleich sehr gut aufgestellt, was aber im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass es nicht noch ausbaufähig wäre. Eine weitere wichtige Entwicklung, die wir verfolgen müssen, ist die weitere Internationalisierung im Forscherbereich – sowohl was die Dauerwissenschaftler als auch den Nachwuchs angeht. Das ist ein unverzichtbares Qualifikationsmerkmal für eine Universität. Was jetzt aktuell noch dazu gekommen ist, ist die Frage der Präsenz von Geflüchteten an Hochschulen. Also wie können eine Stadt wie Mannheim und die Universität potenziellen Studierenden den Weg in unser Hochschulsystem ebnen? Das scheinen mir im Moment die größten Herausforderungen zu sein.


FORUM: Für Unternehmen ist die Internationalisierung der Universitäten auch eine Möglichkeit, hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Jedoch verlassen viele internationale Studierende Deutschland nach dem Abschluss wieder. Sehen Sie das als Problem?

Simons: Die Frage ist, was Sie als Erfolg im Rahmen einer internationalen Ausbildung definieren. Wenn ein degree seeking student, also jemand, der hier sein Studium komplett absolviert hat, am Ende in sein Heimatland zurückkehrt, ist er letztendlich ein Botschafter für Deutschland, für Mannheim und für die Universität. Ich würde die Sichtweise „Wenn die Leute weggehen, dann war das ein verlorenes Investment“ nicht teilen. Was aber nicht bedeutet, dass wir uns nicht auch Gedanken darüber machen sollten, wie wir gute Leute hier halten können. Das ist in Wirklichkeit aber eine Frage, die sich die Unternehmen in der Metropolregion stellen müssen. Die internationalen Absolventinnen und Absolventen sind hier vor Ort. Viel leichter kann man es den Unternehmen nicht machen. Wenn die Leute dann weggehen, ist es eine offene Frage, ob die Universität sich das als Misserfolg anrechnen lassen sollte. Ich glaube nicht. Was ist mit den deutschen Studierenden, die nach dem Studium im Ausland arbeiten? Die sind genauso weg. Deswegen glaube ich, dass es wichtig ist, aus Universitätsperspektive den Bildungserfolg im Vordergrund zu sehen und dann auch darauf zu vertrauen, dass die Leute diese Erfahrung, die sie hier gemacht haben, dahin mitnehmen, wo sie hingehen. Das ist es, was in Wirklichkeit Reputation aufbaut. Und dementsprechend sind die Alumni, die ins Ausland gehen für uns genauso von Vorteil wie die, die in Deutschland bleiben.


FORUM: Welche Strategie fährt die Universität bei der Gewinnung internationaler Studierender? Andere europäische Universitäten haben für diesen Zweck riesige Budgets, die für eine Fülle von Informationsmaterialien eingesetzt werden bis hin zu Messebesuchen auf der ganzen Welt.


Simons: Wir haben recht früh festgestellt, dass es für uns keinen Sinn macht, weltweit die große Masse von einem Studium oder einer Promotion in Mannheim zu überzeugen. Auf einer großen internationalen Studienmesse ist unter 100 Leuten vielleicht einer dabei, der für Mannheim geeignet ist. Das ist nicht effizient. Wir haben daher versucht, punktuell Schwerpunkte zu setzen, in Ländern, von denen wir denken, dass wir da gute Chancen haben, exzellente Studierende zu gewinnen. Die Graduiertenschule GESS mit ihrer methodenorientierten Ausbildung, für die man sehr fundierte mathematische Kenntnisse braucht, hat zum Beispiel gute Erfahrungen mit einem Fokus auf Osteuropa gemacht, wo die Mathematikausbildung traditionell einen sehr hohen Stellenwert hat. Die Strategie für die Gesamtuniversität ist ähnlich. Hier agieren wir über Partneruniversitäten. Wir sind nicht in der Lage, weltweit jeden einzelnen Studenten zu erreichen, aber wenn wir die führenden Universitäten in den jeweiligen Ländern identifizieren und wir in der Lage sind, dort institutionell verankert zu sein und Austauschstudierende zu gewinnen, dann ist die Multiplikatoren- Strategie eine ziemlich gute, finde ich.


FORUM: Hat die Universität Mannheim auch eine Strategie, nach der sie ihre Partnerunis im Ausland auswählt?

Simons:
Es gibt ein paar erfolgreiche Grundprinzipien. So wählen wir unsere Partneruniversitäten zuallererst nach ihrer akademischen Reputation aus. Außerdem reagieren wir auf die Nachfrage der Studierenden und schließen Partnerschaften mit Universitäten in Ländern ab, für die sich die meisten bewerben. Traditionell sind das die englischsprachigen Länder, gefolgt von Frankreich und Spanien. Ein sehr stark wachsendes Segment ist Asien, also China, Singapur, Hong Kong und auch für Japan gibt es immer mehr Interesse. Mit am wichtigsten ist bei der Auswahl dann, dass die Studienleistungen, die in den Ländern erbracht werden, auch von den hiesigen Fachbereichen anerkannt werden, dass also das Studienangebot zu unserem passt.


FORUM: Spielen internationale Rankings dabei eine Rolle, ob eine Universität Beachtung findet?

Simons:
Auf jeden Fall. Ich persönlich bin jedoch unglücklich über Rankings, weil sie die Vielfältigkeit von Universitäten nicht richtig wiedergeben. Aber man muss auch anerkennen, dass Rankings gerade für Studierende, die noch nicht so viele Erfahrungen im universitären Komplex gesammelt haben, eine Orientierungshilfe darstellen. Das bedeutet im Umkehrschluss für die Universität Mannheim, dass wir zusehen müssen, in diesen Rankings gut positioniert zu sein. Das ist Teil der Spielregeln. Die Rankings sind da, die Studierenden orientieren sich daran und wenn wir gute Studierende gewinnen wollen, müssen wir auch dafür sorgen, dass wir in den Informationskanälen, die potenzielle Studierende nutzen, gut aufgestellt sind.


FORUM: Offenbar scheint die Internationalisierungsstrategie der Universität Mannheim aufzugehen. Mit einem Anteil internationaler Studierender von rund 18 Prozent liegt sie weit über dem bundesweiten Durchschnitt von 11,5 Prozent. In der Professorenschaft – die Juniorprofessuren einmal ausgenommen – spiegelt sich dieser Zustand aber noch nicht wieder. Ist es schwierig, gestandene Professorinnen und Professoren aus dem Ausland für Mannheim zu begeistern?

Simons:
Ja und dafür gibt es einen einfachen Grund, die Struktur und Höhe der Besoldung. Wenn Sie einen amerikanischen Kollegen nach Deutschland holen wollen und ihm die deutschen Besoldungsstufen erklären, bricht er in Tränen aus und bleibt, wo er ist. Da muss man schon viel Aufwand betreiben und Möglichkeiten schaffen, außerhalb des Besoldungsgefüges agieren zu können, um jemanden zu gewinnen. Aber auch dann wird es in der Masse nicht erfolgreich sein. Die wirklich Mobilen sind nicht die 55-jährigen gestandenen Professorinnen und Professoren, sondern die Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in der Postdoc-Phase, die gerade ihre Promotion abgeschlossen haben. Die wollen die Welt sehen. Die mögen vielleicht fünf Jahre nach Deutschland kommen und dann woanders hingehen oder in ihr Heimatland zurückkehren. Für alle, die ihre akademische Karriere längerfristig in Deutschland verfolgen wollen, arbeiten wir gerade an einer Tenure-Track-Option. Das heißt, jemand, der hier als Postdoc mehrere Jahre gearbeitet hat, hat die Option auf eine Professur, wenn er oder sie sich entscheidet, dauerhaft hierzubleiben. Ich glaube, das ist die Stelle, an der wir ansetzen müssen. Wir müssen die jungen Menschen gewinnen, bei denen die Mobilität sowieso größer ist, bei denen die Begeisterung da ist und vielleicht auch die familiäre Situation es erlaubt, sich zu bewegen, und müssen ihnen entsprechende Angebote machen.


FORUM: Also eine Internationalisierung von unten?

Simons: Das ist aus meiner Sicht die richtige Strategie. Wir müssen in den jungen Kohorten Internationalisierung schaffen. Was Sie brauchen, ist ein Prozentsatz von Forscherinnen und Forschern, die einen internationalen Background haben. Solange Sie 20 Prozent Nichtdeutsche in einer Fakultät haben, ist das als kritische Masse ausreichend, um den Leuten einen Spiegel vorzuhalten, was jenseits der Grenzen von Deutschland eventuell anders gedacht wird. Die zweitbeste Lösung ist: Wenn Sie nicht in der Lage sind, ausländische Professorinnen und Professoren zu gewinnen, müssen Sie die deutschen hinreichend lange ins Ausland schicken. Deutschland ist auf einem guten Weg, obwohl die Internationalisierung später angefangen hat als in anderen Ländern. Die USA und England haben dabei eine Sonderstellung, weil sie sich von der Sprache her nicht internationalisieren mussten. Aber wenn ich uns mit anderen europäischen Ländern vergleiche, sind wir ganz ordentlich unterwegs. Die Universität Mannheim ist jedenfalls einen Schritt weiter als viele andere.

Zum Bild: Prof. Dr. Dirk Simons, Prorektor für Struktur- und Entwicklungsplanung, wissenschaftliche Infrastruktur und Internationales, im Gespräch mit Katja Bär


Interview: Katja Bär   I   Fotos: Stefanie Eichler   I   April 2016