Universität Mannheim / Forum / Forschung / Ausgabe 2/2017 / Wie Koalitionssignale die Wahl beeinflussen

Wie Koalitionssignale die Wahl beeinflussen

Wer vor der Stimmabgabe an mögliche Koalitionen erinnert wird,
entscheidet sich unter Umständen für eine andere Partei


Bei ihrer Entscheidung für eine Partei haben Wählerinnen und Wähler mögliche Koalitionen meist im Hinterkopf – das scheint naheliegend und gilt in der Politikwissenschaft als unstrittig. Wie sich aber Koalitionssignale auf das Wahlverhalten auswirken, wurde bislang eher spekuliert als erforscht. Ein Forscherteam des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim untersucht, wie sich Parteien vor Wahlen zu möglichen Regierungsbündnissen positionieren und welche Auswirkungen das hat.

Der Mannheimer Politikwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Gschwend führt das Projekt zusammen mit seinem Kollegen Dr. Lukas Stoetzer von der Universität Zürich durch. Gemeinsam haben sie ein mathematisches Modell entwickelt, um den Effekt von Koalitionsaussagen messbar zu machen. „Unser Modell erbringt den Nachweis, dass Koalitionssaussagen, die beim Wähler präsent sind, die Bedeutung von Koalitionen für die Wahlentscheidung erhöhen und die Bedeutung der Parteipräferenz abschwächen. Das kann dazu führen, dass sich Wähler für eine andere Partei entscheiden“, erklärt Gschwend. Insbesondere die Anhänger kleinerer Parteien seien sich der Notwendigkeit von Koalitionen bewusst und unter Umständen bereit, ihr Kreuz an anderer Stelle zu machen, um eine Regierungskonstellation zu ermöglichen oder zu verhindern. Aber auch Anhänger größerer Parteien schwenkten manchmal um, wenn eine Koalition verlockend oder abschreckend erscheine, betont Gschwend.

Um die Auswirkungen von Koalitionsaussagen zu messen, haben die Forscher das Verhalten von Wählern in Situationen mit und ohne Koalitionssignal verglichen. Dazu bedienten sie sich zweier Experimente, von denen eines in Österreich und eines in Deutschland durchgeführt wurde. Mit Hilfe ihres mathematischen Modells konnten Gschwend und Stoetzer die Entscheidungsprozesse der Wähler nachvollziehen. Ihre wichtigste Erkenntnis: Jede einzelne angenommene Koalitionsabsicht führte zu messbaren Veränderungen im Wahlverhalten der Teilnehmer. „Da beide Experimente im Wesentlichen zu den gleichen Ergebnissen kommen, können wir davon ausgehen, dass sie unabhängig vom jeweiligen Parteiensystem oder Umfeld der Wahlentscheidung gültig sind“, fasst Stoetzer zusammen.

Unter welchen Bedingungen Parteien überhaupt zu Koalitionsaussagen bereit sind, wollen die Politikwissenschaftler in ihrem Projekt weiter untersuchen. Dazu werden sie weitere experimentelle Studien durchführen und Daten aus 20 Ländern mit Mehrparteiensystem analysieren. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt das MZES-Forschungsprojekt „Koalitionspolitik vor der Wahl“ mit insgesamt rund 400.000 Euro. 

Zum Bild: Prof. Dr. Thomas Gschwend

Autor: Nikolaus Hollermeier   I   Foto: Gustavo Alàbiso  I   September 2017