Universität Mannheim / Forum / Forschung / Ausgabe 2/2017 / Terrorismus in den Medien

Terrorismus in den Medien

Ein internationales Forscherteam unter Beteiligung des Mannheimer
Medienexperten Prof. Dr. Hartmut Wessler hat eine Förderung für ein
Projekt zum Thema „Verantwortungsbewusste Terrorismusberichterstattung“ erhalten.

Wie sollen Medien über Anschläge berichten? Zurückhaltend und vorsichtig oder unmittelbar und umfassend, womit sie möglicherweise die Wirkung des Terrors verstärken? „Die Medien stecken heutzutage in einem Dilemma, für das man neue Lösungsstrategien braucht“, sagt Prof. Dr. Hartmut Wessler, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Mannheim. Sein neuestes Forschungsprojekt steht an der Schnittstelle zwischen Kommunikationswissenschaft, Computerlinguistik und Big Data und widmet sich der Terrorismusberichterstattung. Den Zuschlag zur Förderung bekam er zusammen mit zwei Kollegen von der University of Illinois und der Universität Amsterdam. Angesiedelt ist das Projekt am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES).

Damit sind sie eins von vierzehn Forscherteams, die von mehreren internationalen Fördergesellschaften sowie der Trans-Atlantic Platform for the Social Sciences and Humanities mit einer Gesamtsumme von 8,6 Millionen Euro gefördert werden. Sie untersuchen, wie Informationstechnologien eingesetzt werden können, um Forschungsfragen in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu beantworten.

Für ihr Projekt analysieren Wessler und seine Kollegen einen Datensatz von 85 Millionen Artikeln, die seit 1945 bis heute weltweit erschienen sind. Daraus wählen sie diejenigen Texte aus, die von terroristischen Anschlägen handeln – ob von links oder rechts, religiöser oder politischer Natur. Mit diesem Datensatz untersucht das Forscherteam mithilfe automatisierter Textanalyseverfahren historische und aktuelle Trends in der Terrorismusberichterstattung. Eines der Ziele ist es, neue Software-Tools zu entwickeln, mit denen arabische, niederländische, englische, deutsche und türkische Nachrichten nach festgelegten Qualitätskriterien ausgewertet werden können.

Wessler hofft, in Zukunft die Qualität der Berichterstattung zu verbessern. Die Art der Berichterstattung habe schließlich einen starken Einfluss darauf, wie die Terrorbedrohung in der Bevölkerung wahrgenommen wird. „Journalisten können die Stimmung in der Bevölkerung befeuern oder dämpfen“, sagt er. Zu den negativen Beispielen zählt er Live-Video- Streaming vom Ort des Geschehens, wie das nach Anschlägen in München oder in Berlin der Fall war: „Ich halte das für problematisch, weil der Journalist noch keine Distanz zum Geschehen hat und die Fakten noch nicht verifiziert sind.“

Dass selbst die UNO sich mit dem Thema Terrorismus und Medien beschäftigt, hält der Medienexperte für einen wichtigen Hinweis darauf, wie relevant das Thema ist. Im Februar hat die UNESCO ein Handbuch mit dem Titel „Terrorism and Media“ herausgegeben, mit Ratschlägen dazu, welche Bilder, Worte und Perspektive Journalisten wählen sollten.

Zum Bild: Prof. Dr. Hartmut Wessler

Autorin: Yvonne Kaul   I   Foto: Simon Fessler   I   September 2017