Universität Mannheim / Forum / Forschung / Ausgabe 2/2017 / Mannheimer Ökonomin erhält höchste Auszeichnung Europas

Mannheimer Ökonomin erhält höchste Auszeichnung Europas

Sie liebt Mathe und hatte bereits als junge Studentin den Ehrgeiz, die Welt zu verbessern. Also entwickelte sie mathematische Modelle, um unter anderem der Armut in Afrika auf die Spur zu kommen. Nun erhielt Prof. Michèle Tertilt, Ph.D., als zweite Frau überhaupt, für ihre Forschung den Yrjö Jahnsson Award – die höchste Auszeichnung in den Wirtschaftswissenschaften in Europa.

An Mut hat es ihr nie gefehlt: Als Michèle Tertilt mit gerade einmal 28 Jahren über Polygamie als Wirtschaftsfaktor in Entwicklungsländern promovieren wollte, warnte ihr Doktorvater, das Thema sei unkonventionell und mit Risiko behaftet. Im schlimmsten Falle würden die Experten es als nicht relevant von der Hand weisen. Die junge Wissenschaftlerin, damals noch an der University of Minnesota, zog ihr Vorhaben trotzdem durch. Heute, 17 Jahre später, gehört das Thema „Familie in der Makroökonomie“ zur akademischen Ausbildung vieler VWL-Studenten. Es hat sogar Einzug in den Uni-Klassiker „Handbuch für Makroökonomie“ gehalten, das nur alle 20 Jahre herausgegeben wird.

„Ich habe mir damals viele Gedanken über die extreme Armut in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara gemacht“, sagt Tertilt. „Mich beschäftigte die Frage, ob Polygamie, also die Vielehe, damit etwas zu tun haben könnte.“ Sie stellte die These auf, dass in diesen Ländern das Kapital darauf aufgewendet wird, Ehefrauen zu kaufen. Männer investieren daher weniger in andere, produktionssteigernde Güter wie beispielsweise Düngemittel. Ihre empirischen Untersuchungen bestätigten die Hypothese. Und ihre Doktorarbeit wurde 2004 zur besten des Jahres an der University of Minnesota gekürt. Für diesen sowie viele weitere Forschungserfolge erhielt Tertilt kürzlich den renommierten Yrjö Jahnsson Award. Unter den früheren Preisträgern sind Nobelpreisträger wie Jean Tirole und einflussreiche Ökonomen wie Thomas Piketty zu finden.

Auch in Tertilts späteren Projekten ging es oft um die Frage, wie Familie und Gesamtwirtschaft zusammenhängen. Sie beschäftigte sich beispielsweise mit der Wechselwirkung zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Stärkung der Frauenrechte: Warum bekamen Frauen ausgerechnet am Ende des 19. Jahrhunderts mehr gesellschaftliche Rechte, als die Wirtschaft im Höhenflug begriffen war? 2009 veröffentlichte die Ökonomin dazu zusammen mit einem Kollegen einen vielzitierten Fachartikel. Darin untersuchte sie, was Männer zur damaligen Zeit dazu bewegte, scheinbar ohne einen bestimmten Anlass ihre eigene Macht einzuschränken und den Frauen mehr Rechte zuzuweisen. Das Ergebnis: Frauen, die über mehr Freiheiten verfügten, konnten auch eigenständiger über die Ausbildung ihrer Kinder entscheiden. Und das lag ebenfalls im Interesse der Männer, da Bildung im Zuge des technologischen Fortschritts immer wichtiger wurde.

Am häufigsten zitiert wurde jedoch Tertilts Manuskript „Consumer bankruptcy: A fresh start“ von 2007. Das Thema rund um Konsumentenkredite, Insolvenzen und Risikoeinschätzung ist ihr zweites Standbein: „So ganz wollte ich mich nicht auf weiche Themen wie Familie verlassen und wandte mich zum Ausgleich solider Standardökonomie zu.“ Und dieser ist die Ausnahmeökonomin ebenfalls bis heute treu geblieben.

Autorin: Yvonne Kaul   I   Foto: Stefanie Eichler   I   September 2017