Universität Mannheim / Forum / Forschung / Ausgabe 2/2017 / Leichter Sprachen lernen

Sprachen lernen leicht gemacht

Auslandsstudium, ein Job in der Fremde oder Reisen in ferne Länder – heute kommt kaum einer daran vorbei, gleich mehrere Fremdsprachen zu erlernen. Der Erfolg dabei hängt meist von der Muttersprache und der eigenen Begabung ab. Eine internationale Forschungsinitiative hat das Ziel, Lerntools zu entwickeln, die genau auf die Voraussetzungen des jeweiligen Individuums abgestimmt sind. Bei dem Netzwerk, welches von der EU gefördert wird, ist auch der Lehrstuhl für Germanistische Linguistik der Universität Mannheim beteiligt.

Ein Franzose benutzt die Vergangenheitsform anders als ein Engländer. Ein Afrikaner hat hingegen Probleme mit der Wortstellung im Englischen. Dennoch nutzen beide die gleichen Lernbücher mit den gleichen Übungen. Dass man den Sprachunterricht viel effektiver und individueller gestalten könnte, darin sind sich viele Linguisten einig. In einer neuen, europaweiten Initiative sind sie dem Ziel jetzt ein Stück näher gekommen. Das sogenannte enetCollect- Netzwerk verbindet Techniken des Online-Sprachenlernens mit Crowdsourcing- Methoden. Das bedeutet, dass man zur Lösung kleiner Teilaufgaben die Web-Gemeinde miteinbezieht.

Bei enetCollect sollen Fremdsprachenlehrende und -lernende ihre Daten bereitstellen, die im Zuge des Sprachenlernens online entstehen. So lassen sich zum Beispiel leichter Fehler nachvollziehen, die typischerweise gemacht werden. Anhand der so gewonnenen Erkenntnisse kann künftig das Lernmaterial an individuelle Lernerprofile angepasst werden – so das Ziel. Auch Prof. Dr. Angelika Storrer und Tassja Weber vom Lehrstuhl für Germanistische Linguistik der Universität Mannheim sind Teil des Netzwerks. „Wir wollen das Potenzial von Crowdsourcing für das Lehren und Lernen des Deutschen nutzen“, erklärt Storrer.

An enetCollect sind inzwischen 141 Personen aus 33 Ländern beteiligt, darunter Wissenschaftler aus Informatik, Linguistik und Psychologie, aber auch Praktiker zum Beispiel aus der Softwareentwicklung. Ihre Aufgabe ist es, Menschen zusammenzubringen, die ihre Sprachdaten und Lehrmaterialien online für wissenschaftliche Zwecke bereitstellen. Ein erfolgreiches Beispiel einer solchen Kooperation ist das Refugee Phrasebook. Es ist eine Sammlung von medizinischen und juristischen Ausdrücken und Redewendungen für Geflüchtete. Ein Netzwerk von Freiwilligen übersetzt das Vokabular in 44 Sprachen. „Aktuelle Migrationsbewegungen sind ein weiterer Grund, individualisierte Lerntechniken voranzutreiben“, sagt Tassja Weber, die als einzige deutsche Vertreterin dem enetCollect-Direktorium angehört. „Aber insgesamt ist das Sprachenlernen in einem mehrsprachigen Europa, das auch vielsprachig bleiben will, eine wichtige Sache.“ 

Autorin: Yvonne Kaul   I   September 2017