Universität Mannheim / Forum / Forschung / Ausgabe 2/2017 / "Der größte Steuerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik"

"Der größte Steuerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik"

Der Steuerforscher Prof. Dr. Christoph Spengel ist Sprecher des 2014 gegründeten Leibniz-WissenschaftsCampus „Mannheim Taxation“ (MaTax), einer gemeinsamen Einrichtung der Universität Mannheim und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Darin untersuchen Forscherinnen und Forscher unter anderem, wie internationale Konzerne besteuert werden. Anfang Juni deckte das Team von Professor Spengel einen Steuerskandal auf, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte.


FORUM: Professor Spengel, worum ging es in Ihrer Studie zu den verlorenen Steuereinnahmen des Staates?

Spengel: Wir haben mit Hilfe verschiedener Datenbanken ausgewertet, dass der gesamte Steuerschaden bei sogenannten Cum-Cum-Geschäften und Cum-Ex-Geschäften bei rund 32 Milliarden Euro liegt. Die sogenannten Cum-Ex-Deals waren eindeutig kriminell und verursachten Steuerausfälle von mindestens 8 Milliarden Euro. Dabei wurden für Dividenden mehrere Steuerbescheinigungen erschlichen, obwohl die Kapitalertragsteuer nur einmal abgeführt wurde. Zusätzlich entfallen seit 2001 weitere 24 Milliarden auf Cum-Cum-Geschäfte, bei denen eine inländische Bank einem Investor aus dem Ausland hilft, Steuerrückzahlungen zu beanspruchen. Einen größeren Steuerskandal hat die Bundesrepublik bisher nicht erlebt.

FORUM: Das ARD-Magazin Panorama, aber auch DIE ZEIT und viele andere namhafte Medien, haben über Ihre Studie berichtet. Wie wichtig ist Ihnen, die Bevölkerung über Steuern aufzuklären?

Spengel: Steuern sind ein komplexes Thema, bei dem nicht jeder durchblickt. Uns ist es deshalb sehr wichtig, den Menschen zu zeigen, wie gerecht oder ungerecht eine bestimmte Steuersetzung ist. Konzerne zahlen wenig Steuern und es gibt Steuerschiebereien. Wir wollen Eckpfeiler für eine Steuerrechtsordnung entwickeln, die in dieser globalisierten und mobilen Welt nachhaltig und auch akzeptabel für die Bevölkerung ist.

FORUM: Auch Ihre Studie über den steuerlichen Digitalisierungsindex hatte eine große Medienresonanz. Darin zeigten Sie auf, dass bei der Forschungsförderung für hochinnovative Digitalfirmen Deutschland auf den hinteren Plätzen liegt.

Spengel: Wir haben mit computergestützten Simulationsmodellen Steuerbelastungen und Steuerwirkungen für digitale Unternehmen in fast 40 Ländern berechnet und dabei herausgefunden, dass der Durchschnittssteuersatz im internationalen Vergleich stark variiert. Einige Länder erschienen als besonders attraktive Standorte für Investitionen in digitale Firmen. Deutschland allerdings belegte den drittletzten Platz.

FORUM: Welchen Einfluss hat der Leibniz-WissenschaftsCampus MaTax auf die Steuerpolitik in Deutschland und Europa?

Spengel: Gerade über die Verbindung mit dem ZEW, bei dem angewandte Forschung eine große Rolle spielt, arbeiten wir immer an politik- und praxisnahen Projekten. Dabei geht es meistens um die Evaluierung und Folgenabschätzung von Steueränderungen. Ein prominentes Beispiel war die Erbschaftssteuerreform in Deutschland, bei der wir mit Bund und Ländern zusammengearbeitet haben. Zudem sind wir weiterhin stark auf der Ebene der Europäischen Union eingebunden: Im vergangenen Jahr veröffentlichte die EUKommission einen Richtlinienvorschlag zur Harmonisierung der steuerlichen Gewinnermittlung in Europa. Dabei wurden zwei von insgesamt drei Folgeabschätzungen von meinem Mannheimer Team vorgenommen.

FORUM: MaTax gibt es an der Universität Mannheim seit 2014. Wie würden Sie die letzten drei Jahre bewerten?

Spengel: Höchst erfolgreich. Wir haben gut 30 Projekte bearbeitet und auch schon für die Zukunft Forschungsfragen konkretisiert. Mit 10 Postdocs und rund 50 Promovierenden haben wir uns auch gut in der Aus- und Weiterbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses positioniert. In Europa gibt es drei herausragende Forschungsstandorte zum Thema Steuern und davon sind wir einer. Während das Institut in Wien ausschließlich Steuerrechtler – also Juristen – beschäftigt, fokussiert sich Oxford auf Wirtschaftsfragen. Wir in Mannheim verbinden beide Schwerpunkte und arbeiten interdisziplinär. Diese starke Position möchten wir auch in Zukunft weiter festigen.

FORUM: 2016 wurden Sie von der FAZ unter den einflussreichsten Ökonomen in Deutschland auf Platz 37 und in Politikrelevanz sogar auf Platz 11 gelistet.

Spengel: Unsere Studien hatten tatsächlich große Auswirkungen auf die Politik, teilweise war ich selbst davon überrascht. Es ist natürlich immer die Leistung eines ganzen Teams. Aber ein bisschen Fortüne gehörte auch dazu. Ich wurde in der Vergangenheit von hochkarätigen Wissenschaftlern gefördert und konnte mir dadurch frühzeitig Themenfelder erschließen, die sich erfolgreich weiterentwickelt haben. 

Zum Bild: Steuerforscher Prof. Dr. Christoph Spengel

Interview: Yvonne Kaul   I   Foto: Elisa Berdica  I   September 2017

Weitere Informationen:

MannheimTaxation ScienceCampus (MaTax)