Der Stratege

Christian Homburg, Inhaber des Lehrstuhls für Business-to-Business-Marketing, Sales & Pricing an der Universität Mannheim, zählt seit Jahren zu den forschungsstärksten Marketingprofessoren weltweit. Sein Erfolgsrezept: die eigene Strategie kompromisslos verfolgen – und öfter mal Nein sagen.


Wer zum ersten Mal die Stufen der alten Villa in den L-Quadraten hinaufsteigt und sich im großzügigen Entrée umschaut, sieht auf den ersten Blick: Ein gewöhnlicher Lehrstuhl ist das nicht. Sicher – es ist alles da, was man kennt. Stellenausschreibungen und Veranstaltungshinweise hängen an Pinnwänden, auf Tischen stapelt sich Informationsmaterial. Das Außergewöhnliche hängt und steht dazwischen, sorgfältig gerahmte Urkunden und jede Menge große und kleine Trophäen in gläsernen Vitrinen. Und darauf immer wieder ein und derselbe Name: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christian Homburg.

2013 und 2015 setzte ihn die renommierte American Marketing Association an die Spitze der Weltrangliste der publikationsstärksten Marketingforscher – als ersten Deutschen. Im aktuellen Ranking, veröffentlicht in diesem Frühjahr, belegt er Platz zwei und sagt lächelnd: „Man sollte solche Auszeichnungen nicht überbewerten, aber das ist doch eine gewisse Kompensation für die harte Arbeit, die man geleistet hat.“ In den einschlägigen wissenschaftlichen Zeitschriften wie dem Journal of Marketing oder dem Journal of Marketing Research zu publizieren, sei ein anstrengender Prozess, erklärt er: „In jede Veröffentlichung sind mehrere hochkarätige Gutachter und Editoren involviert. Das Hin und Her über mehrere Runden kann bisweilen auch demotivierend sein.“

Christian Homburg empfängt in seinem Büro. Es ist heiß an diesem Sommertag, er trägt Polohemd und hat die Fenster weit geöffnet. Dass Autos lärmen und alle paar Minuten eine Straßenbahn vorbeiquietscht, scheint er gar nicht wahrzunehmen – er kann sich fokussieren. Auf die Papiere, die gerade vor ihm auf dem Schreibtisch liegen genauso wie auf Ziele, die er sich langfristig setzt. „Ich bin ein sehr strategischer Mensch, der sich die Dinge aufbaut und eine gute Strategie nicht ändert“, erzählt der 55-Jährige. Beispiele? Die Wahl des Studienfachs – Wirtschaftsmathematik an der Uni Karlsruhe mit dem Diplom nach sieben Semestern. Der erste Job in der freien Wirtschaft bei dem Pumpen- und Armaturenhersteller KSB in Frankenthal nach der Promotion in Wirtschaftswissenschaften mit 26. Die ersten Publikationen, die er nach Feierabend in einer kleinen Werkswohnung schrieb, weil die Karriere als Professor da schon erklärtes Ziel war. Und, als die Lernkurve bei KSB flacher zu werden begann, die Rückkehr an die Uni mit der Habilitation und der endgültigen Konzentration auf den Schwerpunkt Marketing.

„Das Gebiet hatte mich schon früh fasziniert, vor allem wegen der Vielfalt der Themen“, begründet er. Zur Lebensplanung gehörte für Christian Homburg auch die Gründung seiner Unternehmensberatung Prof. Homburg & Partner vor 20 Jahren. Heute beschäftigt die GmbH über 100 Berater in sieben Büros weltweit. Aus dem operativen Geschäft hat Christian Homburg sich immer herausgehalten. Doch an den strategischen Entscheidungen wirkt er als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats mit. „Man kann nur eines sein, Unternehmensberater oder Professor. Sonst landet man zwischen allen Stühlen“, ist er überzeugt. Doch den Kontakt zur Praxis solle ein Wissenschaftler nie verlieren, auch wenn die Fokussierung klar der Forschungsarbeit gelten sollte. Und der Lehre.

Früh hat er die Internationalisierung seines Lehrstuhls vorangetrieben. „Die deutsche BWL war lange eine rein deutsche Veranstaltung. Wir haben auf Deutsch in deutschen Zeitschriften für andere deutsche Wissenschaftler geschrieben“, blickt Homburg zurück. „Heute publiziere ich fast ausschließlich auf Englisch.“ Und auch die Vorlesungen werden – mit einer Ausnahme im Bachelor-Studiengang – ausschließlich in englischer Sprache gehalten. Entsprechend international ist die Klientel, die in den Hörsälen Platz nimmt: Studierende aus aller Welt kommen nach Mannheim, um „bei Homburg“ ihren Bachelor oder Master zu machen. Dass das allerdings nur in seiner Person begründet sein soll, bezweifelt der Wissenschaftler: „Erstens ist die Universität Mannheim gerade für die Betriebswirtschaft insgesamt eine ausgezeichnete Adresse und zweitens erhalten die Studierenden hier kostenlos eine hervorragende Ausbildung, für die sie in anderen Ländern sehr viel Geld bezahlen müssten.“ Auch acht Doktoranden und drei Habilitanden betreut er derzeit an seinem Lehrstuhl – und er betont das Wort „betreuen“. Alle drei Wochen lässt er sich über Fortschritte bei der Dissertation berichten: „Ein Doktorand ist dreieinhalb Jahre Teil des Teams und ich weiß von jedem jederzeit, was er gerade macht.“

Dass er auch eine ganz andere Karriere hätte einschlagen können, glaubt Christian Homburg nicht. Den Gedanken an ein Medizinstudium nach dem Abitur in Rastatt verwarf er rasch: „Ich kann kein Blut sehen und bin nicht sehr geschickt mit meinen Händen. Als Arzt wäre ich todunglücklich geworden.“ Doch Alternativen zur Uni Mannheim, wo er seit 1999 forscht und lehrt, gab es durchaus. Schon 1995, mit Mitte 30, erhielt er einen Ruf an die Ludwig-Maximilians-Universität München. Er lehnte ihn ebenso ab wie 2002 das Angebot, die Nachfolge des emeritierten Heribert Meffert anzutreten, der in Münster den ersten Marketing-Lehrstuhl Deutschlands aufgebaut hatte. „Beides wäre eine große Ehre gewesen, aber das Gesamtpaket passte nicht“, stellt er klar.

Auch das Ausland hat ihn gereizt. 2003 erhielt er einen Ruf an die Case Western Reserve University in Cleveland, doch die Reise in die USA endete tragisch: Homburg hatte das Gebäude nach einem Treffen mit dem Universitätspräsidenten gerade verlassen, als ein Amokläufer um sich schoss und zwei Menschen tötete. „Seitdem habe ich keine Angebote mehr ernsthaft aufgegriffen“, sagt er – zumal die Bedingungen an der Uni Mannheim hervorragend seien und er sich in Stadt und Region fest verwurzelt fühlt.

Öfter mal Nein sagen sei ohnehin wichtig: „Sie können als Professor auch sehr viel Zeit verschwenden.“ Obwohl er häufig auch den Samstag der Forschung widme – ein Marathon-Arbeiter sei er nicht. Oder nicht mehr. Mit seiner Frau Larisa und dem zweijährigen Sohn Christian gönnt sich der Fan des 1. FC Kaiserslautern regelmäßige Auszeiten. Vor einigen Jahren hat er das Tennisspielen aufgegeben und gemeinsam mit seiner Frau mit Golf begonnen. „Sehr komplex“ sei dieses Spiel, an dem er eines ganz besonders schätzt: „Golf spiele ich nur gegen mich selbst.“ Die Auseinandersetzung mit anderen sucht er in Zukunft weiterhin in der Forschung: „Meine Gegner sind die Gutachter.“

Zum Bild: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christian Homburg

Autorin: Ute Maag   I   Foto: Fotostudio Thomas  I   September 2017