Universität Mannheim / Forum / Forschung / Ausgabe 1/2016 / Nicht ohne mein Smartphone

Nicht ohne mein Smartphone

Im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen hat ein Team um den Mannheimer Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Peter Vorderer die Smartphone-Nutzung von Kindern und Jugendlichen untersucht. Das Ergebnis: Fast jedes zehnte Kind hat eine so starke Bindung zu seinem mobilen Weggefährten, dass es als suchtgefährdet eingestuft werden muss.


Ständig an das Handy denken, es permanent auf Nachrichten überprüfen und auf jede sofort reagieren – für viele Kinder und Jugendliche ist das selbstverständlich: Fast ein Viertel von ihnen wies in der Studie des Forscherteams um Prof. Dr. Peter Vorderer eine sehr starke Bindung zu ihrem Smartphone auf. „Handyinvolvement“ nennen das die Wissenschaftler. 8 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind sogar so stark involviert, dass sie als suchtgefährdet bezeichnet werden müssen. Beunruhigend seien diese Zahlen jedoch nicht. „Wir müssen uns eher fragen, ob wir Abhängigkeit und Sucht mit Blick auf dieses Medium ganz neu diskutieren müssen. Wenn alle eine ‚always-on-Mentalität‘ haben, muss man sich überlegen, ob dieser Zustand nicht als normal zu definieren ist“, sagt Dr. Karin Knop, Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin am Lehrstuhl von Prof. Vorderer, die die Studie federführend geleitet hat.

Der stärkste Erklärungsfaktor für die exzessive Handynutzung sei bei den Jugendlichen der Druck aus der Peergroup, also dem Freundeskreis. „Es bestehen bestimmte Normen in der Gruppe, die ständige Kommunikation und sofortige Reaktion auf Nachrichten voraussetzen. Das ermuntert die Heranwachsenden dazu, das Handy stark zu nutzen. Sie haben das Bedürfnis, immer im Bilde darüber zu sein, was die Peergroup macht. Tun sie es nicht, besteht die Gefahr, aus dem Kommunikationsprozess ausgeschlossen zu werden“, erklärt Vorderer. Ganz unbedenklich sei das nicht: Je stärker Kinder das Smartphone nutzen, desto höher ist für sie auch die Gefahr Opfer von Mobbing zu werden, anzügliche Nachrichten von Fremden zu erhalten, bei den Hausaufgaben abgelenkt zu sein und dadurch in der Schule schlechte Noten zu schreiben, zeigt die Studie.

Eine Lösung für das Problem ist derzeit allerdings noch nicht in Sicht. Zu jung sei das Phänomen. Eltern wüssten oft gar nicht, wie sie entscheiden sollen, was sie erlauben sollen oder nicht. „Es ist ein völlig neues Medium, das sich dazu noch der Kontrolle der Eltern entzieht. Früher stand der Fernseher im Wohnzimmer oder im Kinderzimmer und war damit unter Beobachtung der Eltern. Bei mobilen Geräten, die die Kinder immer dabei haben, geht das nicht. Die alten Erziehungskonzepte sind darauf nicht anwendbar“, sagt Knop.

Eine neue Form der Medienerziehung ist den Wissenschaftlern zufolge deshalb unerlässlich. Eltern reagieren derzeit auf den Handykonsum ihrer Kinder vorrangig mit Verboten und Einschränkungen. Kommunikationswissenschaftler Vorderer hält das jedoch für den falschen Weg: „Eltern sollten die Bedürfnisse ihres Kindes ernst nehmen und herausfinden, warum ihr Kind so von dem Smartphone fasziniert ist, um dann in gemeinsamen Gesprächen zu klären, welche Konsequenzen das möglicherweise hat.“ Die wichtigste Erziehungsmaßnahme sei aber immer noch, selbst ein gutes Vorbild zu sein. Wer sein Smartphone selbst ständig in der Hand hat, könne seine Kinder nur schwer vom Gegenteil überzeugen.


Autorin: Nadine Diehl   I   Foto: 123rf   I   April 2016