Universität Mannheim / Forum / Campusleben / Ausgabe 2/2013 / "Überdauern spielt keine Rolle, der Moment zählt"

"Überdauern spielt keine Rolle, der Moment zählt"

Gewöhnlich ist hier nichts: Die neue Ausstellung in der Hasso-Plattner-Bibliothek im Mittelbau des Schlosses zeigt Werke der Künstlerin Ina Grützbach, die ungewöhnliche Materialien und Techniken einsetzt. Neben Scanarbeiten und Werken auf Zellstoff zeigt die Ausstellung eine Leihgabe der Artgenossen an die Universität: die Tesafilm-Plastik mit dem Namen „creatura“.

Beim Schlossfest wurde das Tesafilmtierchen feierlich enthüllt und die dazugehörige Ausstellung eröffnet. Die gespannten Besucher konnten bei einer Führung im Beisein der Künstlerin alles über die Werke erfahren. Die Kreatur ist der Form eines Pferdes nachempfunden, inspiriert wurde Ina Grützbach dabei von Johannes Brus, dessen Meisterklasse sie besuchte. Der Künstler Brus ist unter anderem für seine in Beton gegossenen Pferde bekannt. Das kleine und fragile Objekt creatura besteht aus Tesafilm, der auf einer Gipsplatte befestigt ist. Auf das Material kam die 34-jährige Künstlerin, die auch philosophische Texte verfasst, eher durch Zufall: Beim Schreiben zwirbelte sie in Denkphasen immer wieder Tesafilm zwischen den Fingern bis daraus Stäbe entstanden. Sie wusste, dass sie mit dem Material arbeiten möchte, doch erst nach und nach entwickelten sich die konkreten Ideen. Zuerst fertigte sie einen Rollo aus Tesafilm, später folgten weitere Werke darunter auch creatura.

Die Fotografin, Bildhauerin und Multimediakünstlerin Ina Grützbach schätzt das transparente Material aus vielerlei Gründen. Nicht allein die Perspektive sei besonders ausdrucksstark, auch die starken Gegensätze finde sie interessant. Einerseits ist Tesafilm lange haltbar, andererseits ist die Skulptur jedoch auch sehr fragil und offenbart dadurch ihre Vergänglichkeit. „In meiner Kunst ist generell die Vergänglichkeit sehr präsent. Überdauern spielt für mich keine Rolle, der Moment zählt“, erklärt die Künstlerin. So hat sie auch schon einige ihrer Tesafilmarbeiten entsorgt, wie sie ohne Bedauern erzählt.

Trotzdem ist ihr die Trennung von creatura - einem ihrer Lieblingsstücke - nicht leicht gefallen. Doch wird es durch den neuen Standort aufgewogen. Der neue Ausstellungsort ihrer Kunstwerke ehrt Ina Grützbach: „Gerade für junge Künstler ist es etwas ganz besonderes neben den ‚Großen‘ ausgestellt zu sein.“ Die Großen, das sind unter anderem Antonius Höckelmann und Walter Stöhrer, die in der Bibliothek dank einer Leihgabe der Stiftung Deutsche Bank zu sehen sind. Außerdem würde die Wirkung des Kunstwerks durch den neuen, exponierten Ausstellungsort verstärkt werden: „Durch die Alltagssituation, die in der Bibliothek herrscht, entsteht ein ganz anderes Zusammenleben mit der Kunst als es in einer Museumskulisse der Fall wäre“, findet Ina Grützbach.

Zu verdanken haben Studierende und Bibliotheksbesucher die künstlerische Abwechslung den Artgenossen, eine Studierendeninitiative im Förderkreis der Kunsthalle, deren Mitglieder unter 30 Jahre alt sind. Die Initiative erwirbt auch Kunstwerke und diesmal haben sie sich für die Skulptur von Ina Grützbach entschieden. „Über die Entscheidung, dass es gerade dieses Werk sein soll, habe ich mich besonders gefreut. Tesafilmarbeiten“, so die Künstlerin, „wurden in der Kunstwelt immer belächelt und gelten als nahezu unverkäuflich.“ Die Artgenossen, zum größten Teil Studierende der Universität, stellen das Kunstwerk der Universität Mannheim als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Ina Grützbach fängt in ihrer Kunst den Moment ein – das zeigt sich an ihren Materialien wie Photopapier und Zellstoff, die nicht für die Ewigkeit gemacht wurden, aber auch an den Motiven. So zeigt die Künstlerin immer wieder Pflanzen, auch in der Ausstellung in der Bibliothek. Darunter Scans von Blumen, die durch die Digitalisierung gleichzeitig eins zu eins abgebildet werden und doch in ganz anderem Licht erscheinen. „Ich will die Pflanzen nicht in Bronze gießen oder sonst wie nachbilden. Sie sind schon so perfekt, deshalb möchte ich sie abbilden“, sagt Ina Grützbach. „Und das geht mit der Scantechnik am besten.“ Die Pflanzen sind mittlerweile schon längst vergangen, nur die Momentaufnahme der Scans bleibt. Trotzdem hat ihre Kunst nichts Düsteres, denn sie sieht die Vergänglichkeit als Teil eines natürlichen Kreislaufs: „Ich finde es beruhigend zu sehen, wie alles im Fluss und in Bewegung ist. Das will ich zeigen.“

Autorinnen: Stefanie Griesser & Lina Vollmer   |   Oktober 2013

Weitere Informationen:

Werkverzeichnis und Homepage der Künstlerin Ina Grützbach

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